Tierschutzhund aggressiv gegen andere Hunde

"Seit Ende Dezember bin ich die stolze Besitzerin von Jay, einem eigentlich sehr lieben Rüden aus dem polnischen Tierschutz.

 

In den ersten Wochen hatten wir überhaupt keine Probleme mit Jay, er war vom ersten Tag an stubenrein, vertrug sich mit den Katzen und kann auch problemlos alleine bleiben. Bei Spaziergängen war er anderen Hunden gegenüber offen und freundlich, zeigte also keinerlei Aggression. Seit ca. 2,5 Wochen reagiert er aber aggressiv auf andere Hunde. Er fixiert sie kurz, knurrt ganz tief und geht auf sie los, egal, ob Rüde oder Hündin, meist größere Hunde. Zuerst dachte ich, es würde an der Leine liegen (arbeite zur Zeit mit der Schleppleine) und bin daraufhin in die Hundeschule gegangen (leider war es auf Grund des Wetters erst einmal möglich). Die Schnupperstunde hat er wirklich super mitgemacht und zwischendurch durften alle Hunde frei laufen. Die ersten paar Minuten gab es kein Problem, doch man sah, dass Jay sich nicht richtig in die Gruppe integrieren konnte (obwohl es keine feste Gruppe war) und eher wie Falschgeld herumlief. Nach einiger Zeit fixierte er einen großen Golden Retriever und fiel in sofort an. Das passierte dann kurz darauf nochmal und ich nahm in an die Leine. Der Trainer riet mir, wenn er dies noch einmal tun sollte, ihn auf die Seite zu legen und ihm die Hand auf die Schulter zu legen. Der angegriffene Hund sollte dann möglichst an ihm schnüffeln, bis er sich entspannen würde. Und um solche Situationen erst garnicht aufkommen zu lassen, sollte ich ihn ablenken, bevor er einen anderen Hund beim Spaziergang fixieren könnte. Das klappt leider nur leidlich bisher. Seither wird seine Aggression auch immer stärker, er fixiert fast jeden Hund und diesen Samstag kam uns ein etwa gleich großer Hund entgegen, ohne Leine und näherte sich Jay, angeleint. Sie beschnupperten sich kurz und Jay verbiss sich fast ohne Vorwarnung in dem anderen Hund, ich konnte die beiden nur mit Mühe trennen (der andere Hund hatte gottseidank keine Verletzungen). Jetzt zu meiner Frage: Liegt es evtl an mangelnder Sozialisation, Schutztrieb oder an den Hormonen (er ist unkastriert) und wie reagiere ich am besten? Über eine Antwort würde ich mich sehr freuen, denn ich möchte ihm ja auch gönnen, mit anderen Hunden zu spielen und Kontakt aufzunehmen."

 

Christina H. mit Mischling Jay (5 Jahre alt)

 

Unsere Expertin: Setzen Sie ihm klare Grenzen!

 

Meiner Meinung nach liegt es nicht ausschließlich an mangelnder Sozialisation. Ohne Jay gesehen zu haben zeigt mir so manches Verhalten, dass es andere Gründe gibt. Vielleicht ist er nicht die sicherste im Umgang, aber dann würde er z.B. zu Beginn Ihrer Beziehung auch nicht relaxt auf andere Hunde reagieren bzw. sich nicht nur einen Hund gezielt aus einer Gruppe heraussuchen.

 

Das Verhalten deutet auf eine Kombination aus sozialmotivierter Aggression und der Nichtkastration. Um herauszufinden, wie viel eine Kastration bewirken würde, könnten Sie über eine chemische Kastration nachdenken. Diese wirkt über einen bestimmten Zeitraum und macht Ihnen die Entscheidung leichter, ob eine Kastration sinnvoll ist oder nicht. Ich finde es gut, wenn Sie dennoch mit ihm in die Hundeschule gehen, ihn aber beobachten und ihn gar nicht erst zum Fixieren kommen zu lassen. Arbeiten Sie mehr mit ihm und machen Sie ihn abrufbarer. Bitte legen Sie ihn nicht auf die Seite und lassen andere Hunde an ihm schnüffeln. Wie würden wir uns denn fühlen, wenn uns jemand festhält, damit ein „Gegner“ uns ungehemmt berühren darf und wir keine Chance haben, uns zu wehren? Es ist ein großer Vertrauensmissbrauch Ihnen gegenüber und dass ist sehr schade. Das macht die Sache nicht besser. Vielleicht wird er gehemmter in seinem Verhalten, aber Ihre Beziehung leidet.

 

Jay ist ein erwachsener Hund und will nicht wirklich mit anderen Hunden spielen. Ich bitte meine Kunden immer, dies einfach zu akzeptieren. Jay hat aus seiner Sicht einfach zu ernste Aufgaben übernommen, als das er ans Spielen denken kann. Im Übrigen spielen nicht wirklich viele Hunde. Das, was wir als Spiel sehen, ist oftmals kein richtiges Spiel. Also, es ist nicht schlimm, wenn er nicht spielen möchte.
Die sozialmotivierte Aggression liegt an seinem Beschützerinstinkt und somit an Ihrer Beziehung. Ignorieren Sie ihn mehr, geben Sie ihm auch im Haus weniger Aufmerksamkeit und setzen Sie ihm klare Regeln, Strukturen und Grenzen. Starten Sie damit, ihn ausschließlich draußen für gute Arbeit zu füttern, um so Ihre Beziehung zu Jay zu verändern.

 

Es ist Arbeit, aber es wird sich lohnen!

 

Viel Spaß mit Jay!

 

Liebe Grüße

 

Bettina Baumgart