Das Rotkäppchensyndrom

Wölfe – warum haben wir Angst vor ihnen?


Wölfe faszinieren uns, doch viele erfüllen sie noch immer mit irrationaler Angst. Dabei ist es wahrscheinlicher, von einer herabfallenden Kokusnuss getötet, als von einem Wolf verletzt zu werden. Woher kommt die Angst vorm Wolf?

Unsere Vorfahren, die Sammler und Jäger, verehrten den Wolf. Sie erlebten ihn in seiner natürlichen Umgebung und erkannten, dass er in Familien organisiert war wie sie selbst. Rund 50.000 Jahre alte Höhlenmalereien belegen, dass Menschen sich schon früh für den Wolf interessierten - und ihn aufmerksam und wohlwollend beobachteten. Die menschlichen Jäger bewunderten seine Jagdfähigkeiten und seine Stärke, betrachteten ihn als Lehrmeister und Bruder, so wie es viele Naturvölker heute noch tun.

In vielen heidnischen Legenden spiegelt sich dieses alte Verhältnis wider: Eine Wölfin säugte Romulus und Remus, die mythologischen Gründer Roms, und auch der germanische Hauptgott Odin wurde stets von seinen beiden tapferen Wölfen Geri und Freki begleitet. Vor rund 15.000 Jahren begannen Menschen, Wolfswelpen aufzuziehen - und den Wolf zu domestizieren.

Der Mensch wurde jedoch sesshaft und widmete sich Ackerbau und Viehzucht. Aus dem vierbeinigen Bruder wurde ein Bedrohung für den eigenen Besitz. Die Nutztierhaltung war die Existenz- und Nahrungsgrundlage vieler Menschen. Übergriffe von Wölfen konnten eine Familie in die Hungersnot treiben. Jagen Wölfe in der Wildnis, reißen sie ein krankes oder altes Beutetier, während alle anderen flüchten können. Nutztiere in Gefangenschaft sind jeder Fluchtmöglichkeit beraubt. Der natürliche Jagdtrieb veranlasst Wölfe dazu, immer wieder zu zu beißen – so töten sie manchmal deutlich mehr Tiere, als sie eigentlich zur Nahrungsaufnahme benötigen. Dieses rein instinktgesteuerte Verhalten wurde gründlich missverstanden und brachte dem Wolf erstmals den Ruf ein, 'blutrünstig' zu sein.

Wölfe wurden mit dem Teufel identifiziert

Zum mystifizierten Erzfeind der Menschen wurde der Wolf jedoch erst nach der Christianisierung Europas. In der Begrifflichkeit des Christentums werden die Christen „Lämmer“ genannt, die Priester ihre „Hirten“. Der Wolf wurde rasch mit dem Teufel selbst identifiziert. Tatsächlich wird der Teufel in christlichen Texten immer wieder als „Erzwolf“ bezeichnet.

 

Während Naturvölker die Natur verehrten und mit ihr lebten, versuchte der Mensch nun mehr und mehr, die Natur zu unterwerfen. Der Hund wurde zum Symbol für die gezähmte, unterworfene Natur – der Wolf stand für die wilde, feindliche Natur. In den von keiner elektrischen Lichtquelle erhellten Nächten erschien sein Heulen unheimlich und fremd. Ein Verständnis für die biologische Realität der Wölfe fehlte den Menschen – statt dessen ließen sie ihrer Phantasie über das ungreifbare, scheue Wildtier freien Lauf. 'Teufelsrachen' oder 'Gierschlund' nannte man den Wolf, da man es nicht wagte, seinen Namen auszusprechen.

Wölfe waren beim Adel besonders verhasst

In Krisenzeiten wie Kriegen, Hungersnöten oder Epidemien war der Wolf als Aasfresser besonders präsent – und wurde damit für die Menschen rasch zum Sündenbock. Übergriffe von Wölfen auf Menschen waren sehr selten, aber sie kamen vor – meist war der Wolf mit Tollwut infiziert, die damals deutlich verbreiteter war als heute. Menschen, die an der Tollwut erkrankten, begründeten den Mythos des Werwolfes. Wer verdächtigt wurde, ein Werwolf zu sein, endete nicht selten auf dem Scheiterhaufen. Besonders unbeliebt waren Wölfe beim Adel, der das Wild in seinen Wäldern für sich beanspruchte. Menschliche Wilderer wurden gnadenlos hingerichtet, Wölfe ebenso gnadenlos verfolgt. Mit dem Beginn der industrialisierten Agrarbewirtschaftung nahm der Hass auf Wölfe keineswegs ab. Wölfe wurden mit teilweise martialischen Methoden gezielt ausgerottet.

In dieser Zeit entstanden auch die berühmten Märchen der Gebrüder Grimm, die alte Erzählungen erstmals niederschrieben – nachdem sie sie nach christlichen Maßstäben gründlich überarbeitet hatten. So wurde aus Rotkäppchen erst das Kindermärchen, das uns heute bekannt ist. Vermutlich liegt der Ursprung von Rotkäppchen in einer frühgeschichtlichen Metapher von Tod und Wiedergeburt. Das 'Verschlungenwerden' durch einen Wolf ist dabei ein Gleichnis, die Rolle des Wolfs keineswegs negativ zu bewerten. Auch alte orientalische Fabeln wurden dem westlichen Geschmack entsprechend umgearbeitet: So wurde aus 'Isegrim' der grimmige, gierige und gleichzeitig tölpelhafte Bösewicht, den die Europäer sehen wollten. (je)

 

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