Thomas Niederste-Werbeck über 'Hunde der Welt' - Teil 2

''Hunde sind ein Schnittpunkt zwischen den Kulturen.''

 

Thomas Niederste-Werbeck: Es zeigt uns auf jeden Fall viele – für uns neue - Aspekte der Beziehung Mensch-Hund. In anderen Kulturen werden Hunde als Arbeits- und Nutzhunde gehalten, leben aber trotzdem in enger Symbiose mit dem Menschen – eine Verbindung von Freundschaft und Nutzverhältnis. Wir hingegen vergessen oft die Herkunft unserer Hunde, lassen ihre Fähigkeiten verkümmern. Das kann zu Problemen in der Umwelt und im Zusammenleben führen.

Die Hunde in ihren ursprünglichen Herkunftsgebieten machen einen sehr glücklichen Eindruck. Glücklicherweise ist der Trend, Hunde als reine Lifestyle-Accessoires zu sehen und dabei ihre natürlichen Bedürfnisse zu vernachlässigen, bei uns nicht so stark ausgeprägt wie beispielsweise in den U.S.A. oder Japan. Wenn man Hunden die Stimmbänder operativ durchtrennt, damit sie nicht mehr bellen können, oder in Geschäften stundenweise ausleihen kann, dann ist das eine Hundehaltung, die in erster Linie durch Egoismus geprägt ist.

Stadthunde.com: Sehen Sie persönlich die Situation der Hunde in Deutschland nach 'Hunde der Welt' anders?

Thomas Niederste-Werbeck: Natürlich hat man danach einen veränderten Blick. Die Lebenssituation von Hunden in Deutschland wird stark reguliert - das ist nicht immer leicht für Hund und Halter. Hier bei uns befinden sich Hunde nicht mehr in ihrer natürlichen Umgebung. Wir haben eine hohe Bevölkerungsdichte und müssen Rücksicht aufeinander nehmen, und leider kommt es auch immer wieder zu Konflikten zwischen Hundehaltern und Nicht-Hundehaltern. Bei vielen natürlich lebenden Völkern ist die Situation grundlegend anders - und natürlich auch in gewisser Hinsicht viel entspannter.

Stadthunde.com: Was würde ein Mensch aus der sibirischen Tundra oder aus dem Dschungel Papua-Neuguineas Ihrer Meinung nach denken, wenn er durch eine Reportage von uns Deutschen und unseren Hunden erfahren würde?

Thomas Niederste-Werbeck: Ich denke, sie wären schon sehr überrascht – aber nicht nur über unsere Hundehaltung, denn immerhin ist ihnen unsere gesamte Kultur unbekannt und sie würden sie möglicherweise befremdlich finden. Für uns ist der Hund mehr ein ebenbürtiger Sozialpartner - manchmal sogar Partnerersatz - als das bei anderen Völkern der Fall ist. Doch insgesamt denke ich, dass die Liebe zu Hunden Menschen unterschiedlichster Herkunft zusammenbringt. Wir erleben das auch bei der 'DOGS', die sowohl vom Besserverdienenden als auch vom Sozialhilfeempfänger gelesen wird. Hundeliebe verbindet, sie ist ein Schnittpunkt zwischen den Kulturen.

Stadthunde.com: Wie muss man sich die Reaktion der Menschen – die ja zum Teil in vollkommen anderen Kulturkreisen leben - vorstellen, als Reporter ein so ausgeprägtes Interesse an ihren Hunden zeigten?

Thomas Niederste-Werbeck: Auch in anderen Kulturen sind die meisten Menschen sehr stolz auf ihre Hunde. Sie sind ein Teil ihres Besitzes und ihrer Kultur. Interessiert man sich für ihren Hund, ist das oft wie ein Türöffner.

Stadthunde.com: Polarisierende, auf uns zunächst befremdlich wirkende Themen - wie der Hundekampf in Afghanistan oder auch die Aufgabe der Hunde in Kenia oder Papua-Neuguinea, den Kindern den Po sauber zu lecken - werden in den Reportagen keineswegs tabuisiert. Eine mutige Entscheidung?

Thomas Niederste-Werbeck: Uns ist Authentizität von Anfang an wichtig gewesen. Auch bei der 'DOGS' nehmen wir uns vieler Themen an, die von manchen vielleicht als Tabu empfunden werden – wie Tier-Messies oder sexueller Missbrauch von Tieren. Es kommt vor, dass uns Menschen erzählen, sie hätten einen Bericht zwischendurch zur Seite legen müssen, weil sie so bestürzt und bewegt gewesen seien. Aber das ist nun einmal unsere Lebensrealität und ich betrachte es als unsere journalistisch Aufgabe, darüber zu berichten.

Stadthunde.com: Die Reportagen zeigen nicht nur exotische Hunde in fremden Kulturen, sondern auch hierzulande wohlbekannte Hunderassen wie Border Collies, Bernhardiner oder Rhodesian Ridgebacks in ihrer eigentlichen Heimat – und bei ihrer ursprünglichen Aufgabe. Hilft 'Hunde der Welt' uns, etablierte Hunderassen neu zu entdecken – und besser zu verstehen?

Thomas Niederste-Werbeck: Das ist auf jeden Fall unser Ziel. Unsere Hunde haben bestimmte Bedürfnisse. Nur wenn sie eine entsprechende Aufgabe haben, sind sie glücklich. Viele Menschen halten ihre Hunde nicht diesen Bedürfnissen entsprechend, und daraus resultieren oft große Probleme – vor allem im Zusammenleben von Hundehaltern und Nicht-Hundehaltern. Diese Schwierigkeiten schädigen auch das das Bild des Hundes in der öffentlichen Wahrnehmung. Wir zeigen die natürlichen Herkunftsbedingungen von einigen beliebten Rassen und ermöglichen damit hoffentlich ein paar Aha-Erlebnisse.

Stadthunde.com: Die Verbundenheit zwischen Hund und Mensch hat viele Gesichter und Erscheinungsformen, und doch kann man sie auf der ganzen Welt erleben – sie scheint fast global zu sein. Ihre Einschätzung: Warum lieben wir Hunde?

Thomas Niederste-Werbeck: Eine einfache Antwort: Hunde sind die besten und ältesten Freunde der Menschen.

Stadthunde.com: Vielen Dank für das Gespräch!

 

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Fotos: Debra Bardowicks

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