Martina Nau im Stadthunde-Interview

Anti-Jagdtraining - was Hundehalter tun können Teil 3

Mischling Max schien ein absolut hoffnungsloser Fall zu sein - etwas anderes als Hetzen und Jagen hatte er nicht im Sinn. Heute ist Max ein ganz normaler, ruhiger Familienhund.

 

Stadthunde.com: Sie sind nicht nur Hundebuch-Autorin, sondern auch Hundetrainerin. Ist Jagdverhalten ein häufiges Problem bei Hundehaltern, die Ihren Rat suchen? Gibt es einen besonders interessanten oder aufschlussreichen Fall, den Sie betreut haben?

 

Martina Nau: Ja, viele Leute kommen, weil ihr Hund unkontrolliert jagt. Immer mehr Hundehalter erkennen, dass die Lösung dieses Problems nicht ständiger Leinenzwang sein kann, denn ein Hund sollte zumindest einen begrenzten regelmäßigen Freilauf genießen.

 

Wer einen Hund mit ausgeprägtem Jagdtrieb hat, bemerkt sehr schnell, dass eine längere Trainingsstecke vor ihm liegt. Manche geben dann leider auf, doch viele entdecken erst durch diese Arbeit, welche Talente eigentlich in ihrem Vierbeiner stecken und welch wunderbaren Partner sie da an ihrer Seite haben.

 

Interessante Fälle haben wir häufiger. Max, zum Beispiel, ein ganz verrückter, damals etwa ein bis zwei Jahre alter Pointer aus Spanien, schoss vor ungefähr drei Jahren mit großer Geschwindigkeit auf den Platz. Dabei blieb es dann auch. Rannte er einmal einige wenige Minuten nicht, stand er zitternd und bibbernd herum, bis sich ein Blättchen bewegte oder ein Vogel flog, dann rannte er wieder. Stundenlang. Ansprechbar war er kaum.

 

Während er seine Kurven drehte, sah er ununterbrochen in den Himmel. Flog dort ein Vogel, verdoppelte er sein Tempo und zitterte auch während des Laufens. Die Besitzer erklärten, das mache er den ganzen Tag so. Er war noch nicht lange bei ihnen, doch so konnte es nicht weitergehen. Max’ Jagdverhalten grenzte an Verrücktheit. An Training war nicht zu denken.

 

In der ersten Stunde ließen wir ihn laufen und tranken währenddessen einen Kaffee in der Hoffnung, er werde auch mal eine Pause machen. Die machte er jedoch nicht. Die zweite Stunde verbrachten wir im Trainingsraum, um die Außenreize zu vermindern, doch der Raum hat Fenster, und gegen diese knallte Max schon mal, weil er rannte, während er gleichzeitig hinaus in den blauen Himmel starrte. Es war kein Training möglich.

 

Ansonsten war Max sehr liebenswert, mochte jeden Hund und jeden Menschen. Das war es dann aber auch. Ein Laufen, egal ob an langer oder kurzer Leine, war nahezu unmöglich, genauso wenig wie irgendein Gehorsamkeitstraining, das er bitter nötig gehabt hätte. Ansprechbarkeit gleich Null. Als sich auch nach einigen Wochen, trotz homöopathischer Unterstützung und absoluter Stressvermeidung, Konzentrations- und Aufmerksamkeitsübungen keine Besserung einstellte und wir alle an eine nur schwer zu behebende Neurose glaubten, beschlossen wir ihn einfach einen netten Beschäftigungskurs besuchen zu lassen.

 

Dort konnte er mit anderen Hunden spielen, vielleicht eine einfache Übung mitmachen oder den anderen Hunden zuschauen. Die Idee war, seinen Kopf mit anderen Dingen zu füllen als den Dingen, die am Himmel flogen. Man glaubt es kaum, aber es vergingen ein oder zwei Stunden, und Max wurde deutlich ruhiger. Er sah kaum noch nach oben und wir konnten mit dem Training starten.

 

Ich habe wenige Hunde kennengelernt, die derart traumatisiert waren wie Max. Im Laufe des Trainings stellten wir fest, dass er ganz sicher eine anfängliche jagdliche Ausbildung genossen hatte, dies allerdings in übelster Form. Er vertrug kaum den Ansatz einer negativen Einwirkung, war aber trotzdem ein hartnäckiger Jäger. Daher mussten wir sein Antijagdtraining besonders vorsichtig angehen.

 

Heute merkt man Max seine Vergangenheit nicht mehr an. Er ist ein lieber, ruhiger Hund, gehorsam und auch abrufbar, wenn er Wild wittert. Er läuft oft ohne Leine. Zu verdanken hat Max dies seinen Besitzern, denn sie haben ihre Verantwortung ernst genommen und ihm ein entspanntes Leben ermöglicht. Dies hat ungefähr anderthalb Jahre gedauert.

 

Stadthunde.com: Herzlichen Dank für das Gespräch!

 

Martina Nau: Herzlich gerne. Ich bedanke mich für die Einladung.

 

 

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