Martina Nau im Stadthunde-Interview

Anti-Jagdtraining - was Hundehalter tun können Teil 2

Auf zum großen vierbeinigen Halali und nach Herzenslust im Unterholz stöbern? Wildern schadet nicht nur Natur und Wild, sondern kann auch für Hund und Mensch zur ernsten Gefahr werden! Doch viele Hundehalter wollen ihrem vierbeinigen Freund diese Freude nicht nehmen.

 

Stadthunde.com: Bedeutet ein Jagd-Verbot für den Vierbeiner zwangsläufig einen Verlust an Lebensqualität?

 

Martina Nau: Ganz bestimmt kann man dies von sehr jagdtriebigen Hunden sagen, wenn man ihnen nicht eine andere Möglichkeit gibt, ihren Jagdtrieb auszuleben. Triebe kann man nicht dauerhaft unterdrücken, sondern nur kontrollieren. Das heißt, dass Hunde mit einem ausgeprägten Jagdtrieb ihre Leidenschaft kontrolliert gemeinsam mit ihren Menschen ausleben müssen.

 

Allerdings gibt es meiner Erfahrung nach sehr viele Hunde, die man in die Kategorie „Jäger aus Langeweile“ und „Jäger durch Gelegenheit“ einordnen kann. Diese Hunde sind mit einer guten Basiserziehung und alternativer Auslastung ohne Jagdersatz ihres kleinen, klugen Gehirns auch dauerhaft vom Jagen abzuhalten, ohne Lebensqualität dabei einzubüßen.

 

Hundehalter sollten überlegen, warum ihr Hund jagt


Stadthunde.com:
Was ist beim Anti-Jagdtraining Ihrer Meinung nach besonders wichtig?

 

Martina Nau: Am Anfang eines guten Anti-Jagdtrainings sollte zunächst immer die Überlegung stehen: Warum jagt mein Hund eigentlich? Aus Langeweile? Weil der Bewegungstrieb sehr hoch ist und er es einfach liebt zu rennen? Weil sein Jagdtrieb groß ist?

 

Danach sollte man systematisch drei Trainingsfelder beschreiten und diese gleichzeitig voranbringen: Vertrauen und Bindung aufbauen, Gehorsamkeit mit Standruhe und Distanzkontrolle trainieren und schließlich dem Hund eine alternative Auslastung bieten.

 

Und letztendlich darf man nicht verdrängen, dass man in der letzten Phase natürlich auch mit Wild trainieren muss, wenn man den Hund am Wild kontrollieren möchte. Das Training am Wild sollte sorgfältig und schrittweise aufgebaut werden. Es verursacht bei jedem Hund extremen Stress. Daher hängt der Erfolg stark davon ab, den alltäglichen Stresslevel des Hundes durch richtige Ernährung, Haltung und Erziehung so niedrig wie möglich zu halten.

 

Stadthunde.com: Was halten Sie von Methoden der Hunde-Erziehung, die von sich behaupten, dem Hund das Jagen besonders schnell „abgewöhnen“ zu können?

 

Martina Nau: Nun, wenn ich zum Beispiel einen gelangweilten Hund einer Gesellschaftshundrasse ohne viel Jagdtrieb habe, dann kann ich ihn tatsächlich innerhalb weniger Wochen vom Jagen abbringen, indem ich Gehorsamkeit trainiere und ihm unterwegs andere Hobbys verschaffe. Aber eigentlich hat das wenig mit einem Anti-Jagdtraining zu tun.

 

Natürlich kann man eine Jagdpassion nicht „abgewöhnen“, sondern nur kontrollieren, und das dauert Monate. Hat man sein Ziel erreicht, fällt der Hund trotzdem sehr schnell in sein Jagdverhalten zurück, wenn man den eingeschlagenen Weg nicht weiter verfolgt. „Mal eben schnell abgewöhnen“ – das geht nicht.

 

Jagd- und Hütehunde jagen mehr als andere Rassen

 

Stadthunde.com: Gibt es Hunde, die mehr zum Jagen neigen als andere? Ist die Neigung zum Jagen allein eine Frage der Hunderasse und Veranlagung, oder können Hundefreunde auch mit ihren Haltungsbedingungen Einfluss auf das Jagdverhalten ihres Vierbeiners nehmen?

 

Martina Nau: Wir wissen alle, dass Angehörige der Jagdhundrassen mehr zum Jagen neigen als Angehörige der Gesellschaftshunderassen, genauso Hütehunde – wobei deren Jagdverhalten vom Ablauf her oft nicht vergleichbar ist mit dem von Jagdhunden.

 

Aber vor allem durch die Kombination von Training, vernünftigen Haltungsbedingungen und Ernährung kann man Jagdverhalten immer beeinflussen. Das heißt nicht, dass alle Bemühungen darin gipfeln werden, dass der Hund kein Interesse mehr an Wild hat. Zumindest kann man ihm aber hierdurch einen begrenzten, regelmäßigen Freilauf ermöglichen.

 

Hunderassen: Jagdhunde sind nicht für jedermann

 

Stadthunde.com: Viele Hunderassen, die wir heute als Familienhunde halten, sind ursprünglich zu jagdlichen Zwecken gezüchtet worden, wie z.B. der beliebte Jack-Russell-Terrier. Was sollten Hundefreunde, die darüber nachdenken, sich eine solche Rasse anzuschaffen, beachten?

 

Martina Nau: Falls man sich für einen Hund von einem Züchter entscheidet, ist es wichtig, eine Linie zu finden, die nicht für den jagdlichen Gebrauch gezüchtet wird. In einigen Rassen gibt es Show- und Arbeitslinien, da ist die Wahl einer Showlinie mit Sicherheit die bessere, wenn man den Hund nicht seiner Rasse entsprechend einsetzen möchte.

 

Entscheidet man sich für einen Hund, dessen Vorfahren und Vergangenheit man nicht kennt, birgt dies natürlich immer eine große Unsicherheit darüber, wie extrem der Jagdtrieb des neuen Familienmitglieds ausgeprägt ist.

 

Genauso unvorhersehbar ist der Jagdtrieb häufig bei Mischlingen, denn wie kann man wissen, welche Erbanlagen sich durchsetzen? Allerdings könnte man auch hier eine Tendenz annehmen, wenn man weiß, wer mitgemischt hat.

 

Manchmal ist es aber auch vernünftiger, sich von einer Rasse, die man gerne hätte, gedanklich zu verabschieden, weil sie einfach nicht zum eigenen Typ oder ins Leben passt. Hierbei sollte man nicht nur an sich denken, sondern zum Wohle des Hundes entscheiden.

 

Die Geschichte von Jagd-Junkie "Max" und wie aus ihm ein ganz normaler Familienhund wurde, lesen Sie hier:

 

Martina Nau im Stadthunde-Interview - Antijagdtraining Teil 3

 

 

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