Martina Nau im Stadthunde-Interview

Anti-Jagdtraining - was Hundehalter tun können

Martina Nau ist nicht nur erfolgreiche Hundebuch-Autorin, sondern auch selbst versierte Hundetrainerin. Hundefreunden ist sie vor allem durch ihr Buch "Auf und davon - vom jagenden Hund zum Begleiter ohne Leine" bekannt. Wir sprachen mit der Expertin über das vermeintliche "Hunde-Kavaliersdelikt" Wildern, den Jagdtrieb des Hundes und ein erfolgreiches Anti-Jagdtraining.

 

 

Stadthunde.com: Sehr geehrte Frau Nau, insbesondere im Frühling wird für viele Hundehalter der entspannte Spaziergang durch Feld und Flur zum Spießrutenlauf: Kaum zeigt sich ein plüschiges Kaninchenhinterteil, verabschiedet sich der Vierbeiner. Manch ein Hundehalter hat längst resigniert, hört man doch immer wieder: „Hunde sind nun mal Jagdraubtiere, gegen diesen Trieb kommt man ohnehin nicht an!“ Stimmt das, oder gibt es Hoffnung für gestresste Hundehalter und dauer-angeleinte Hunde?

 

Martina Nau: Es ist so: Vor allem im Frühling – wenn es aus jeder Hecke piepst und Wildgerüche überall zu finden sind – erleben viele Hundehalter keine entspannten Spaziergänge. Wir Menschen vergessen dabei oft, dass es unseren Hunden nicht anders geht als uns: auch bei ihnen baut sich hierdurch sehr viel Stress auf. Häufig ist eine lange Schleppleine nicht zu umgehen, möchte man nicht riskieren, dass der Hund weitere freudige Jagderlebnisse hat.

 

Hunde mit Jagdtrieb - bestimmte Gebiete im Frühling meiden

 

Als Besitzerin eines extrem jagdtriebigen Terriers kann ich aus eigener Erfahrung dazu raten, die „schlimmsten“ Gebiete in dieser Zeit zu meiden und stattdessen lieber dort zu laufen, wo sich wenig Wild aufhält. Denn auch an der Schleppleine „jagt“ ein Hund aus seiner Sicht heraus. Er nimmt den Geruch auf, verfolgt mit den Augen fliehende Hasen, steht vor oder hetzt womöglich ständig los, um nach wenigen Metern durch die Leine gestoppt zu werden. All dies ist Jagdverhalten und verschlimmert das Problem womöglich noch, weil zu den noch nicht verarbeiteten Reizen ununterbrochen neue hinzukommen.

 

Das einzige, das jagdtriebigen Hunden und ihren Menschen dauerhaft helfen kann, ist ein systematisches Training. Dies dauert Wochen oder Monate und wie groß der Erfolg letztendlich sein wird, hängt von vielen Faktoren ab. Dies wären zum Beispiel die Rasse, das Alter und die bisherigen Jagderfahrungen des Hundes, aber auch die Konsequenz und Bereitschaft des Menschen, sich auf seinen Hund und das Training einzulassen.

 

Stadthunde.com: Warum sollten Hundehalter dem Hunde-Jagdtrieb keinen freien Lauf lassen und Jagen als „Kavaliersdelikt“ abtun? Werden die Gefahren eines wildernden Hundes Ihrer Meinung nach unterschätzt?

 

Hundehalter unterschätzen die Gefahren des Wilderns oft

 

Martina Nau: Und ob! Sehr häufig sogar werden sie von Hundebesitzern unterschätzt. Wie viel kann passieren, wenn ein rasend schneller Hund seinen Verstand vollkommen ausschaltet, um hinter einem noch schnelleren Reh oder Hasen her zu rennen! Jeder mag sich das selbst ausmalen.

 

Und wenn man zudem einmal überlegt, dass auch Wildtiere das Recht haben, ein unbehelligtes Leben zu führen und nicht gehetzt oder getötet zu werden, dann kann man unkontrolliertes Jagen auch nicht mehr als „Kavaliersdelikt“ bezeichnen.

 

Stadthunde.com: Wo fängt „Jagen“ Ihrer Meinung nach an? Ist das Argument vieler Hundehalter „Der kriegt den Hasen doch ohnehin nicht, soll er es ruhig versuchen!“ legitim? Oder kann jeder Hund, sogar ein Jagdhund, lernen, dem Kaninchen stoisch gelassen hinterher zu schauen?

 

Martina Nau: Wo fängt „Jagen“ an? Das ist eine gute Frage. Eigentlich beginnt es mit Fixieren von Wild oder dem Aufnehmen einer Fährte. Die wenigsten Hundehalter hören das gerne, aber es ist so. Wenn der Hund sich dann in Bewegung setzt, ist es schwierig ihn noch zu stoppen. Das geht nur mit einer gehörigen Portion Training.

 

Ob der Hund es lernt, dem Kaninchen stoisch gelassen hinter zu schauen, hängt sehr stark von seiner Rasse oder seinem Typ ab. Aber selbst, wenn er diesem mit herzzerreißend bedauerndem Blick und zitterndem Körper nachsieht, mich danach vorwurfsvoll anschaut ob der genialen Jagdgelegenheit, die ihm gerade entgangen ist … selbst das wäre ein akzeptables Ziel eines Antijagdtrainings, das häufig zu erreichen ist.

 

 

 

Was beim Anti-Jagdtraining besonders wichtig ist und was auch Welpen- und Junghundebesitzer bereits tun können, lesen Sie hier:

 

Martina Nau im Stadthunde-Interview - Antijagdtraining Teil 2

 

 

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