Kate Kitchenham im Interview

Ab Juni 2014 moderiert Kate Kitchenham die neue ZDF-Sendereihe "Der Haustier-Check". Foto: ZDF

Die Fachjournalistin und Hundeexpertin über ihr neues Buch "Wissen Hunde, das sie Hunde sind"

In ihrem neuen Buch nimmt uns Fachjournalistin und Hundeexpertin Kate Kitchenham mit auf eine faszinierende Reise in das komplexe Seelenleben unserer Hunde. Wir sprachen mit Kate darüber, welche Forschungsergebnisse sie am meisten beeindruckt haben, warum die Wissenschaft sich so lange gescheut hat, Tiere als fühlende Wesen zu betrachten – und ob Hunde denn nun tatsächlich wissen, dass sie Hunde sind.

Stadthunde.com: Dein neues Hundebuch „Wissen Hunde, dass sie Hunde sind?“ beschäftigt sich mit den geistigen Fähigkeiten und dem Seelenleben unserer Hunde. Ein Thema, das Dich schon lange fasziniert?

Kate Kitchenham: Die Welt aus den Augen einer Amsel, einer Katze oder eines Hundes zu sehen - verstehen zu können was das Tier fühlt und warum es etwas Bestimmtes tut – das hat mich tatsächlich schon als Kind fasziniert. Deshalb stand schon früh fest, dass ich Verhaltensbiologie studieren muss um diesen Fragen nachgehen zu können.

Da ich zwischen Labradoren aufgewachsen bin, habe ich mich gar nicht so anders gefühlt wie ein Hund – mir wurde die Faszination für den Blick auf die Welt aus Hundeperspektive also praktisch in die Wiege gelegt.

Stadthunde.com: „Wissen Hunde, dass sie Hunde sind“ ist ein wirklich außergewöhnliches Buch. Ein großer Teil besteht aus spannenden Gesprächen mit international anerkannten Hundeexperten. Wie bist Du auf die Idee gekommen, ein Buch in Interviewform zu schreiben?

Kate Kitchenham: Eigentlich war es meine Lektorin, die mich danach gefragt hat! Ich war sofort von ihrer Idee begeistert, denn durch meine jahrelange intensive Zusammenarbeit konnte ich die Persönlichkeiten portraitieren, ihre Forschungsschwerpunkte und neuesten Studien geballt dem Leser präsentieren – und zwar immer als Antwort auf Fragen, die wir uns als Hundehalter gegenseitig auf der Hundewiese häufig stellen. Das war eine tolle, sehr erfüllende Arbeit!

Stadthunde.com: Nach welchen Kriterien hast Du die Wissenschaftler und Experten ausgewählt, mit denen Du Dich für Dein Buch getroffen hast?

Kate Kitchenham: Das war nicht leicht, denn natürlich gibt es viele weitere sehr spannende Forscherpersönlichkeiten. Ich habe deshalb geschaut, in welchen Bereichen sich uns die häufigsten Fragen stellen – also zum Beispiel ob Hunde ein schlechtes Gewissen haben, wie sie Zeit wahrnehmen oder ob sie Geschwister und ihre Mutter ein Leben lang wiedererkennen. Entsprechend zu diesen Bereichen habe ich dann Forscher ausgewählt, die genau hier ihren Forschungsschwerpunkt haben.

Stadthunde.com: Welche der Erkenntnisse, die Du für Dein neues Buch gesammelt hast, hat Dich am meisten überrascht oder beeindruckt?

Kate Kitchenham: Überraschen tut mich aber ehrlich gesagt nicht viel, denn wie andere Hundehalter auch weiß ich natürlich um die großartigen Fähigkeiten unserer Hunde. Aber Forscher bestätigen, was wir wissen in einem Experiment – zum Beispiel, dass Hunde das Würstchen lieber im Dunkeln und aus leisen Verstecken klauen, weil sie wissen, dass wir hören und bei wenig Licht schlecht sehen können.

Die Art und Weise, wie die Versuche aufgebaut sein müssen um genau das nachweisen zu können – das fasziniert mich. Am Ende ist es schlicht ein gutes Gefühl mit Gewissheit sagen zu können: es gibt tatsächlich kein anderes Tier, das uns Menschen so gut kennt und durschaut, wie ein Hund!

Stadthunde.com: Wie ist es denn nun: Wissen Hunde, dass sie Hunde sind?

Kate Kitchenham: Ja, denn Hunde haben nicht nur ihr Leben bei uns im Haus , sondern eine Parallelexistenz im Wald und auf der Hundewiese. Sie entwickeln eine ganz eigene Kommunikation mit uns, die sogar von Hund-Mensch-Beziehungen zu Hund-Mensch-Beziehung sehr unterschiedlich sein kann. Sie wissen um unsere beschränkten sinnlichen Fähigkeiten, wie sie unsere Aufmerksamkeit erregen oder heimlich ihren Willen durchsetzen können.

Sie kommunizieren auf hohem Niveau mit einer anderen Art, indem sie uns beobachten, analysieren und angepasst verhalten. Nebenbei benehmen sie sich auf der Hundewiese ohne Probleme wie ein echter Hund - Erik Zimen hat einmal gesagt, Hunde führen eine „Doppelidentiät“.

Stadthunde.com: Wissenschaftlern fiel es lange Zeit sehr schwer, Hunde – und Tiere allgemein – als komplex fühlende und denkende Wesen zu betrachten. Woran liegt das Deiner Meinung nach?

Kate Kitchenham: Es ist einfacher, ein Tier für sich zu nutzen, wenn man es als gefühlslose Sache behandelt – das wird deutlich, wenn wir uns ansehen wie unterschiedlich wir mit dem „Nutzvieh“ Schwein oder Rind umgehen im Vergleich zu unserer großen Liebe zum Hund. Behavioristen haben lange Jahre die Verhaltensforschung dominiert und argumentiert, dass Tiere nur auf Reize reagieren und Gefühle erst nachgewiesen werden müssten, bevor man sie Tieren zugesteht.

Solange das nicht gelang konnte man natürlich ungestört Tiere unter erbarmungswürdigen Bedingungen in Laboren halten. Marc Bekoff war hier ein entscheidender Vorkämpfer. Er hat gesagt, dass wir, solange wir nicht wissen, ob Tiere Gefühle haben, auch bei Ameisen davon ausgehen sollten. Mit jeder neuen Studie wurde in den letzten Jahrzehnten deutlich, dass viele Tiere nicht nur Emotionen wie Freude, Liebe oder Angst empfinden können, sondern auch zu komplexen Gefühlen wie Neid in der Lage sind.

Stadthunde.com: In der Forschung hat sich in den letzten Jahren glücklicherweise sehr viel getan, was die Erforschung des Bewusstseins und der Gefühle unserer Hunde angeht. Wagst Du einen Ausblick, was uns in der nächsten Zeit noch an interessanten Studien erwarten wird?

Kate Kitchenham: Besonders spannend finde ich die Arbeiten aus New York zum Thema „Theory of Mind“- also ob Hunde Mitgefühl entwickeln können. Aber auch die Studien zum Zeitempfinden, Langeweile, Moral oder wie wir Menschen als Frau oder Mann oder mit unseren unterschiedlichen Persönlichkeiten Hunde in ihrer Persönlichkeitsentwicklung beeinflussen – die Fragen und Forschungsfelder hören zum Glück nie auf!

Stadthunde.com: Als Fachjournalistin bist Du im Bereich der kynologischen Forschung immer auf dem neuesten Stand. Inwiefern beeinflusst das Deine Arbeit als Coach für Hundehalter? Und wie wichtig ist es Deiner Meinung nach, dass Hundetrainer sich über aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse stets auf dem Laufenden halten?

Kate Kitchenham: Ständige Weiterbildung muss für jeden Trainer eine Herzensangelegenheit sein. Ich bewundere Menschen wie Günther Bloch, die beherzt Ansichten über Bord werfen, wenn sie neue Erkenntnisse aus der Forschung gewinnen! Das ist für mich kein Zeichen von Schwäche sondern im Gegenteil von großer Stärke und Kompetenz.

Außerdem macht es Spaß, Neues zu lernen, immer mehr zu wissen - diese Neugierde und Leidenschaft zum Lebewesen Hund trägt jeder echte Hundefan in sich. Die Forschungserkenntnisse können uns helfen das zu tun, was Hunde uns vorleben: den Blick auf die Welt der anderen Art studieren, mit der wir unser Leben teilen. Sich für dieses Anderssein zu begeistern, es besser zu verstehen - und dadurch noch besser zusammenleben zu können.

Stadthunde.com: Herzlichen Dank für das Gespräch!

 

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