22. Jul 2008
Stadthunde.com: Wie sind Sie auf den Hund gekommen?
Kate Kitchenham: Ganz unfreiwillig – meine Mutter hat Anfang der Siebziger aus England einen Labrador nach Hamburg mitgebracht – damals etwas vollkommen Exotisches in der Hansestadt! Diese Hündin hat während meiner frühen Kindheit zwei Mal Welpen bekommen – mein bevorzugter Schlafplatz war in dieser Zeit die Welpenkiste und das hat mich fürs Leben geprägt. Noch heute brauche ich Hundegeräusche um mich herum, um gut einschlafen zu können!
Stadthunde.com: Was war der Anlass für Sie, Bücher über das Leben von Hunden in der Stadt zu schreiben?
Kate Kitchenham: Das Leben mit Hund in der Stadt! Das kann nämlich – vielen Vorurteilen zum Trotz – fantastisch sein für Hund und Herrchen. Ich bin zum Studieren mit Hund in die Stadt gezogen und hatte selber etliche Vorbehalte. Aber wurde positiv überrascht: Hunde sind für das soziale Klima in der Stadt unentbehrlich! Sie sollten keine Steuer bezahlen, im Gegenteil: Die meisten Menschen mit Hund sollten von der Stadt Anerkennung bekommen, für die großen sozialen Dienste, die ihre Hunde täglich in Parks und Grünanlagen leisten! Immerhin sorgen sie täglich für viele fröhliche Unterhaltungen mit Nichthundehaltern, Senioren treffen sich zum gemeinsamen Spaziergang und bleiben dadurch fit, Kinder bekommen Kontakt zum Tier . . . – nur: Von der wichtigen Funktion als „sozialer Katalysator“ liest man leider nie etwas in den Medien. Das ist mein Anliegen: Dass Hunde besser wahrgenommen werden – dazu gehört natürlich auch, dass sie gut erzogen und Herrchen und Frauchen sich rücksichtsvoll verhalten. All das habe ich versucht in meinem Buch zu vermitteln.
Stadthunde.com: Sie selbst sind aus der Stadt aufs Land gezogen. Hat dieser Entschluss etwas mit Ihrem Hund oder der neuen Gesetzeslage zu tun?
Kate Kitchenham: Ja! Ich bin Hamburgerin mit ganzem Herzen– aber das neue Hundegesetz hat jede freie Bewegen mit Hund und Kind unmöglich gemacht! Dazu die hohen Mieten – für Familien mit Kindern und Hund ist eine etwas größerer Wohnung – vielleicht noch mit ein bisschen Grün hinter der Terrasse - nahezu unbezahlbar. Da half nur die Flucht aufs Land – leider!
Stadthunde.com: Wie stehen Sie zum Hamburger Hundegesetz? Wo sollte nachgebessert werden? Ist das Gesetz ein Weg zu einem besseren Umgang miteinander oder entzweit es die Parteien?
Kate Kitchenham: Ich bin ein bisschen gespalten. Ehrlich gesagt, finde ich die Grundidee eines Hundeführerscheines richtig. Es gibt zu viele Hunde in der Stadt, deren Menschen sich nicht ausreichend mit Erziehung und den Pflichten von Hundehaltung auseinandergesetzt haben. Ein Hundehalter Knigge und eine gelungene Erziehung ist wichtig, damit Hunde nicht noch weiter in die Negativ Schlagzeilen kommen. Muss jeder Mensch, der in der Stadt einen Hund halten will, einen Hundeführerschein ablegen, dann ist die Schwelle, sich einen Hund zu kaufen, sehr viel höher – weil so viel Aufwand mit der Haltung verbunden ist. Das würde viele unüberlegte Anschaffungen verhindern – und schon bereichern weniger, dafür verantwortungsvoll gehaltene Hunde unsere Städte. Das wäre langfristig eine gute Entwicklung, die vor allen Dingen den Hunden zugute kommen würde!
Andererseits sehe ich, dass in der Realität sich trotz Hundeführerschein für Hunde kaum etwas gebessert hat. Es gibt zu wenige Freilaufflächen, zu viele Verbote, zu wenig Entgegenkommen und vor allen Dingen positive Anerkennung von der Stadt. Da muss noch viel passieren, auch als Zeichen an die Hundehalter: Die Stadt ist nicht nur gegen Euch, sondern belohnt Euch für Eure Kooperation!
Stadthunde.com: Sollten die Städte und Gemeinden mehr für die Hunde tun?
Kate Kitchenham: Auf jeden Fall. Das fängt bei mehr Tütenautomaten, Freilaufgebieten und Hundestationen an Spielplätzen an und hört mit der überfälligen öffentlichen Anerkennung von Hunden als „Sozialarbeiter auf vier Pfoten“ auf. Als Hundehalter hast du ja ständig das Gefühl, ein Kleinkrimineller zu sein. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Dein Hund zaubert täglich so vielen Menschen ein Lächeln auf Gesicht – das schaffen sonst nur Kinder! Das öffentliche Bild muss endlich gerade gerückt werden: Hunde sind gut für das soziale Klima in der Stadt!
Stadthunde.com: Was sollten Menschen in der Stadt bedenken, bevor sie sich einen Hund anschaffen? Was würden Sie ihnen raten?
Kate Kitchenham: Sie sollten sich darüber im klaren sein, dass sie viele neue Freunde finden werden. Mit einem freundlichen Hund wird man ständig angesprochen, angelächelt, in Gespräche verwickelt. Wenn man darauf keine Lust hat, sollte man es besser lassen. Ansonsten: Kann ich meinen Hund auch im ausgewachsenen Zustand noch in den fünften Stock hoch tragen? Habe ich genügend Zeit, ihm eine gute Erziehung und ein ausgefeiltes Stadttraining bieten zu können? Kann ich ihn an meinem Leben teilhaben lassen, die nächsten 15 Jahre lang?
Stadthunde.com: "Stadthund" muss keine negativen Assoziationen mit sich bringen, wenn ein Stadthund richtig gehalten wird: Welche unbekannten Überraschungen kann die Stadt Hunden bieten?
Kate Kitchenham: Hunde lieben das Stadtleben! Wenn ich mit meinem „Landei“ zu einer Hundewiese fahre, ist das für sie wie Geburtstag haben: So viele Artgenossen zum Spielen! Die glücklichen Stadthunde haben das jeden Tag: Die treffen täglich in großen Rudeln aufeinander, meist kennt man sich schon über Jahre, Freundschaften entstehen bei Hund und Mensch, man hilft sich gegenseitig – ein herrliches Leben für einen gut sozialisierten Hund. Außerdem lieben Hunde Abwechslung – und die hat die Stadt täglich zu bieten. Ob an die Elbe fahren, Bahn fahren, im Cafe sitzen, mit Herrchen oder Frauchen spazieren gehen, zur Arbeit mitkommen, die Kinder in den Kindergarten oder die Schule bringen – die Stadt kann Hunden täglich viel bieten.
Stadthunde.com: Haben Sie das Gefühl die öffentliche Stimmungslage in Großstädten hat sich in den vergangenen Jahren verschlechtert? Wenn ja, woran liegt das?
Kate Kitchenham: Als ich 1996 mit Hund nach Hamburg gezogen bin gab es keine Kontrollen aber viel Ärger: Kaum ein Hundehalter hat sich um die Haufen gekümmert, die sein Liebling irgendwo hat fallen lassen. Hunde liefen frei auf Jogger, Radfahrer, Kinderkarren zu, ohne dass sich die Besitzer groß darum gekümmert haben. Diese Rücksichtslosigkeit vieler Hundehalter hat sicherlich einiges dazu beigetragen, dass wir uns heute mit so vielen Einschränkungen konfrontiert sehen. Andererseits: Wenn Hundehalter sich umsichtiger benehmen – und das ist eindeutig der Trend der Zeit – sollte die Stadt diese Stimmung aufgreifen und Stadthunden endlich die öffentliche Anerkennung geben, die sie verdienen.
Und - ganz klar – besonders nach dem schrecklichen Vorfall im Sommer 2000, als der kleine Volkan auf dem Schulhof von zwei Hunden getötet wurde – seitdem ist das öffentliche Bild von Hunden arg ramponiert. Es liegt aber an uns Hundehaltern, es wieder gerade zu rücken.
Stadthunde.com: Was halten Sie von der Idee mit Stadthunde.com eine Plattform im Internet zu schaffen, die sich schwerpunktmäßig mit dem Halten von Hunden in der Stadt beschäftigt?
Kate Kitchenham: Hier wird eine Lücke geschlossen: Eine große Chance für Stadthundehalter sich auszutauschen, zu organisieren, sich gegenseitig zu helfen, aktiv zu werden gegen Leinenzwang, für mehr Freilaufflächen – hier ist viel möglich, denke ich !
Stadthunde.com: Sie widmen u.a. dem Thema Hund und Kind in Ihren Büchern große Aufmerksamkeit: Glauben Sie, dass Schul-Hunde-Modelle (Hundeführer zeigen Kindern den richtigen Umgang mit Hunden heran), wie es sie in einigen Städten bereits gibt, Zukunft haben?
Kate Kitchenham: Ein ganz wichtige und gute Entwicklung, um vielen Missverständnissen mit Hunden vorzubeugen! Wenn Kinder Hundeverhalten richtig deuten lernen und wissen, wie man sich gegenüber einem fremden Hund benehmen muss, dann können nicht nur Unfälle verhindert, sondern es kann viel zum positiven Bild von Hunden beigetragen werden. Hunde können Kindern viel geben – nicht umsonst werden Hunde als Cotherapeuten erfolgreich u.a. in Psycho- und Ergotherapie eingesetzt, besetzten Kinder mit Hund überdurchschnittlich häufig hohe soziale Ämter in der Schule und zeigen sich stabiler während der Pubertät und schwierigen Lebenssituationen. Hunde können Kinder fit machen fürs Leben – wenn sie respektvoll behandelt und richtig verstanden werden. Schulprogramme können dabei wichtige Aufklärungsarbeit leisten!
Stadthunde.com: Sie plädieren für mehr Kreativität bei der Hundehaltung - kann jeder Mensch kreativ sein?
Kate Kitchenham: Das ist auf jeden Fall etwas, dass wir von Hunden lernen können! Wenn wir uns einen Hund in unser Leben holen, dann öffnen wir uns für eine neue Sicht auf die Welt – und das eröffnet uns neue Welten! Wenn wir dafür offen zeigen, dann werden wir ganz von alleine auf ein paar neue hundegerechte Spiele und Tricks kommen, die das Training abwechslungsreich machen.
Stadthunde.com: Es heißt: Hund und Mensch lernen voneinander - Was ist das Wichtigste, das Ihr Vierbeiner Sie für das Leben gelehrt hat?
Kate Kitchenham: Mir hat einmal ein Professor an der Uni gesagt, er erkennt, welcher Student mir Hund aufgewachsen ist und welcher nicht: An der Art, wie er sich in sozialen Situationen verhält, zuhören kann, antworten kann. Die Fähigkeit zum Verständnis eines anderen Lebewesens, seine Körpersprache deuten lernen und dadurch sich gut in neue Situationen einfühlen zu können – das ist etwas, was Hunde grandios bei Kindern schulen können. Das habe ich auch erleben dürfen und das hat mir im Leben vieles sehr viel leichter gemacht, da bin ich mir sicher.
Stadthunde.com dankt Kate Kitchenham für das Interview!
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