Interview mit Claudia Hollm - Tiertafel Deutschland e.V.

„Ziel ist ein flächendeckendes Netz an Ausgabestellen“

Über den Menschen an die Tiere kommen – so könnte man umschreiben, was Claudia Hollm und ihre zahlreichen Mitstreiter seit dem Sommer 2006 unter dem Vereinsnamen Tiertafel Deutschland auf die Beine stellen. Stadthunde.com sieht darin eine wichtige Arbeit und begeleitet die Tiertafel daher in einer „Medienpatenschaft“. Stadthunde-Gründer Christian Köhler übernimmt zudem gemeinsam mit Moderator und Schauspieler Carsten Spengemann die Patenschaft für Hamburg. Gründe genug also für ein Interview mit Claudia Hollm, die den ehrenamtlich geführten Verein mitgründete und als erste Ansprechpartnerin dient.

 

Stadthunde.com: Frau Hollm, Sie sind Mit-Gründerin der Tiertafel Deutschland e.V. – seit wann gibt es die Organisation und wie hat alles begonnen?

 

Claudia Hollm: Angefangen haben wir im Juni 2006, die erste Ausgabestelle haben wir dann im Oktober des gleichen Jahres hier in Rathenow eröffnet. Zu Beginn unserer Tätigkeit waren neben mir noch sechs weitere Leute dabei, dadurch kamen wir auf die für einen e.V. (eingetragener Verein – die Red.) benötigten sieben Personen.

 

Stadthunde.com: Welche Idee führte zur Gründung der Tiertafel Deutschland?

 

Claudia Hollm: Die Grundidee war: Nur Futter an die Tiere bringen reicht nicht. Für uns war und ist die Beratung der Menschen, die für die Tiere verantwortlich sind, mindestens genauso wichtig. So konnten wir erreichen, dass die Leute anfingen, wichtige Fragen zu stellen, die wir Ihnen natürlich fachkundig beantworteten. Es kommen eben auch Tierhalter zu uns, die gar kein Futter benötigen, aber Probleme mit der richtigen Haltung oder den Behörden haben. Der Beratungsbedarf unserer „Klientel“ ist groß: Viele dieser Menschen sind gar nicht in der Lage, von sich aus auf bestimmte Probleme zu kommen. Außerdem haben die wenigsten die Möglichkeit, sich übers Internet oder teure Fachlektüre zu informieren.

Ein Beispiel: Immer wieder müssen wir erklären, dass Würgehalsbänder bei Hunden zu gefährlichen Verletzungen führen können. Das war übrigens ein Auslöser dafür, dass wir mittlerweile regelrechtes Training für Tierhalter anbieten, wo ganz elementare Dinge gezeigt werden. Darunter fällt eben auch das richtige Führen an der Leine.

Stadthunde.com: In wie vielen Städten gibt es mittlerweile Ausgabestellen, und wie weit soll das Netz noch ausgebaut werden?

 

Claudia Hollm: Derzeit gibt es 15 Ausgabestellen in insgesamt 9 Bundesländern – darunter sind auch die Großstädte Hamburg, München und Frankfurt. In Kürze werden wir in Mannheim und Eisleben neue Stellen eröffnen.

Für insgesamt 30 weitere Städte und Gemeinden ist die Planung sehr weit fortgeschritten. Das heißt für uns: An diesen Orten suchen Mitglieder der Tiertafel Deutschland konkret nach geeigneten Räumlichkeiten und wären sofort bereit zu starten. Das größte Problem liegt natürlich darin, mietfreie Räume zu finden, die dazu noch geeignet sind - also ebenerdig, um den vielen Behinderten und alten Menschen, die zu uns kommen, gerecht zu werden.

Was das Ziel des „Ausbaus“ angeht: Wir möchten so schnell wie möglich ein flächendeckendes und funktionierendes Netz von Ausgabestellen installieren.

 

Stadthunde.com: Wer sind die Helfer vor Ort?

 

Claudia Hollm: Das sind sehr gemischt zusammengestellte Teams. Diejenigen, die leitend agieren, stehen meist in festen Jobs und kommen gar nicht unbedingt aus dem Tierschutz. Bei uns sind auch viele Menschen aus der Obdachlosenhilfe aktiv, aber auch Leute ohne Erfahrung im sozialen Bereich, die vielleicht eigene Tiere haben und sich irgendwann die Frage gestellt haben, wie Menschen mit sehr wenig Geld Ihre Lieblinge über die Runden bringen. Wichtig sind auch unsere Hartz-4-Empfänger, die vor Ort helfen wollen. Auch, weil sie meist sehr nah an den Problemen der Menschen dran sind. Unser Konzept lautet schließlich: Nur über den Menschen kommen wir an die Tiere.

 

Stadthunde.com: Welche Aktivitäten unterstützt die Tiertafel Deutschland außer den Versorgungsstellen und der Vor-Ort-Beratung?

 

Claudia Hollm: Zurzeit versuchen wir zum Beispiel, auch durch die Vergabe homöopathischer Arzneimittel zu helfen. Besonders bei leichteren Gelenkproblemen der Tiere können diese Mittel gut eingesetzt werden. Natürlich gehen wir auch auf Veranstaltungen und Messen, um auf uns aufmerksam zu machen

Bei allen unseren Aktionen steht aber immer der Tierschutz im Mittelpunkt. Wir wollen eben gerade nicht nur für das Überleben der Tiere sorgen, indem wir Futter verteilen. Unser Ziel geht darüber hinaus und heißt: Artgerechte Haltung. Wir wollen den Leuten also auch etwas beibringen und verteilen zum Beispiel auch Spielzeuge und Kleintierkäfige, die eine angemessene Größe haben.

 

Stadthunde.com: Mit welchen Problemen hatten Sie denn zuletzt in der Praxis zu tun? Können Sie einige Beispiele nennen?

 

Claudia Holm: Um vielleicht mit zwei Hunde-Fälle zu beginnen: Wir hatten zuletzt einen Bernhardiner-Halter, der sein Tier regelmäßig an der Leine auf langen Fahrradtouren mitgeführt hat – ohne sich etwas Böses dabei zu denken. Natürlich führt das bei einem so schweren Hund zu Gelenk- und Knochenproblemen. Ein anderes Beispiel war ein Border Collie, der zu einem wahren Couch Potato „erzogen“ wurde. Und das bei einem Tier, das von Natur aus täglich viele Kilometer im Freien zurücklegen würde! Solche Fälle haben uns dazu gebracht, den Bereich Training und Beratung noch weiter auszubauen.

Auch beim Tod eines Tieres, versuchen wir zu helfen. Wir erfahren einfach immer wieder, dass besonders alte Menschen ohne ihr Tier nicht mehr leben können bzw. wollen. Diesen Menschen helfen wir dabei, passende Nachfolger-Tiere zu finden. Ein sehr aktuelles Beispiel wäre auch das Problem mit der Hitze: An vielen Ausgabestellen arbeiten wir daher mit Tierfriseuren zusammen, die langhaarigen Tieren von bedürftigen Haltern umsonst das Fell scheren. Man glaubt zunächst gar nicht, welche Wirkung man jetzt im Sommer durch so einen „Haarschnitt“ erzielen kann. Die Tiere halten die Temperaturen sonst einfach nicht aus.

Generell kann man sagen: Wir stehen immer wieder vor Situationen, die uns klar machen: Auch hier müssen wir etwas tun. Das wird wahrscheinlich Monat für Monat wieder passieren, und wir lernen immer wieder ein Stück dazu.

 

Stadthunde.com: Das Thema Spenden sorgt in vielen wohltätigen Vereinen für Aufregung. Wie ist die Tiertafel Deutschland in dieser Frage aufgestellt?

 

Claudia Hollm: Wir haben den großen Vorteil, dass wir nicht auf riesige Geldspenden angewiesen sind. Wir bauen auf Sach- und vor allem Futterspenden, die wir dann auf die Ausgabestellen und an die Menschen bzw. ihre Tiere verteilen. Geld spielt bei uns daher keine große Rolle, weil wir keine Gehälter bezahlen und auch sonst keine hohen Ausgaben haben. Unsere Räume müssen mietfrei sein, unsere Transporter wurden gespendet – die einzigen Barausgaben gehen für Strom und Benzin drauf. Der Anteil an Geldspenden liegt bei uns etwa bei einem Prozent und reicht für diese Posten aus.

Was man allerdings sagen muss: Ohne unsere Groß-Sponsoren, die Futterhersteller oder Heimtierbedarf-Ketten, kämen wir nicht klar. Man muss bedenken: Allein für eine Großstadt wie Hamburg brauchen wir 700 kg Futter pro Tag. Das wäre nur durch private Spender nicht zu meistern.

 

Stadthunde.com: Neben den Spendern zählen auch Eure Paten zu den wichtigen Partnern. Was versprecht Ihr Euch von diesen Patenschaften?

 

Claudia Hollm: Die Medienpaten – zu denen seit kurzem ja auch Stadthunde.com gehört – sollen natürlich für gute PR sorgen, d.h. uns bundesweit bekannt machen, auf Events und Messen dabei sein, um zu berichten oder etwa unsere Weihnachtsaktionen begleiten.

Die Stadt- und Bundeslandpaten sollen sich einfach ein wenig von den „normalen“ Unterstützern abheben und zeigen, dass sie nicht nur die Idee gut finden, sondern auch selbst etwas aktiv bewegen wollen. Dafür sprechen wir immer wieder prominente oder einflussreiche Menschen an, die aber natürlich in vielen Fällen schon sehr engagiert und einfach am Limit ihrer Belastbarkeit sind. 

Im Idealfall läuft es so wie bei Stadthunde.com: Christian Köhler hat uns als Gründer des Portals von sich aus angesprochen und sogar noch in Moderator und Schauspieler Carsten Spengemann prominente Unterstützung mit ins Boot geholt. So etwas finden wir natürlich klasse – dann braucht man niemandem erklären, welche Idee hinter unserer Arbeit steckt, weil man davon ausgehen kann, dass diese von Vornherein geteilt wird.

 

Stadthunde.com: Wie sehen Sie die Entwicklung der Tiertafel in den nächsten Jahren?

 

Claudia Hollm: Wir werden in erster Linie am Ausbau unserer Ausgabestellen arbeiten.

Ein weiteres wichtiges Thema sollen die anonymen Beratungsstellen für Kampfhundbesitzer werden. Diese Leute brauchen dringend Unterstützung, denn durch die Neuregelungen kommen immense Kosten auf sie zu, die nicht jeder tragen kann. Viele, die sehr wohl in der Lage wären, Hunde der betroffenen Hunderassen zu halten, scheitern an formalen Dingen oder schlicht am fehlenden Geld. In der Folge verliert ein Tier sein Zuhause oder die Leute halten den Hund „illegal“.

Außerdem werden wir weiter daran arbeiten, das Image von Hunden in der breiten Öffentlichkeit zu verbessern. Dazu ist gerade bei den Menschen, die zu uns kommen, jede Menge Aufklärung von Nöten. Allein durch den Einsatz von Gassibeuteln kann man so viele verständlich negative Reaktionen von Nicht-Hundebesitzern vermeiden. Diese „Erziehungsarbeit“ ist nicht immer einfach, aber mit der Zeit kommt man an die Menschen ran und kann damit beginnen, etwas für das Tier zu tun.

 

Stadthunde.com: Wie sehen Sie persönlich Ihre Tätigkeit? Ist die Motivation immer noch so hoch wie am ersten Tag?

 

Claudia Hollm: Bis jetzt ist die Arbeit sehr erfüllend. Ich komme ja ursprünglich nicht aus dem Tierschutz und merke auch nach all den Jahren: Wir können wirklich etwas erreichen. Das Gute an unseren Tätigkeiten ist: Wir können agieren und müssen nicht immer nur reagieren. Leute, die lange im Tierschutz arbeiten, sind vielleicht auch mal resigniert oder wütend auf die Menschen, die den Tieren immer wieder schreckliche Dinge antun. Wir hingegen haben das Glück, direkt am Mensch zu sein, und so jede Menge für die Tiere bewegen zu können.

Ich kann also sagen: Bisher war es eine sehr befriedigende Arbeit und ich hoffe natürlich sehr, dass das auch in Zukunft so bleibt.

 

Stadthunde.com: Gibt es – zum Abschluss – etwas, was sie unbedingt noch über die Tiertafel Deutschland sagen möchten?

 

Claudia Hollm: Vielleicht dies: Wir unterstützen keine Neuanschaffungen von Tieren, wenn die Mittel der oder des Menschen nicht ausreichen. Unsere Arbeit bezieht sich auf Tiere, die bereits in den Haushalten oder bei den Obdachlosen sind, und denen wir durch unsere Beiträge ein artgerechtes Leben ermöglichen möchten. Wer also denkt: Ich kaufe mir jetzt einen Hund - die Tiertafel besorgt mir schon das Futter, ist bei uns an der falschen Stelle. 

 

Wir danken Claudia Hollm für das Interview und freuen uns auf eine gute Medienpatenschaft!

 

    

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