07. Mai 2008
Unter dem Begriff Patella- (Kniescheibe) Luxation (Verrenkung), welche hauptsächlich eher kleinere Rassen betrifft, verstehen wir die Verlagerung der Kniescheibe aus ihrer ursprünglichen Lage. In 70 – 75 % der Fälle ist die Patellaluxation erblich, bzw. genetisch bedingt, allerdings kann sie auch in der Wachstumsphase entstehen, in den seltensten Fällen ist sie auf einen Unfall zurückzuführen.
Die Kniescheibe ist bei den betroffenen Hunden luxierbar, d.h. sie verbleibt nicht an ihrem ursprünglichen Platz, sondern verlagert sich nach leichtem Druck - oder ganz von selbst - nach außen oder innen (lateral/medial). Bei kleineren Rassen wird sie meist nach medial (zur Mitte) und bei größeren nach lateral (zur Seite / nach außen) luxiert.
Dieser Zustand kann vorübergehend (habituell), oder dauerhaft (stationär) auftreten, manchmal werden dabei Lahmheiten und Schmerzen verursachen - in den meisten Fällen passiert dies jedoch nicht.
Anatomische Ursachen für eine Patellaluxation?
- Mangelhafte bis gar nicht ausgebildete Rollfurche / Patella-Gleitlager, bzw. zu wenig hohe Rollkämme. Das heißt, das Gleitlager, in dem die Patella hin- und herbewegt wird, ist nicht tief genug.
- Zu kleine oder zu große Kniescheibe, die nicht in die Rollfurche passt.
- Achsenfehlstellung der Hinterbeine (O- und X). Dabei wird die Kniescheibe bei Bewegung schräg zur Rollfurche gezogen, wodurch es auf Dauer zur Überdehnung der Seitenbänder kommt. Bei O-Beinen springt die Patella zur Mitte, bei X-Beinen meistens zur Seite heraus.
- Durch die obigen Fehlstellungen kann es zur falschen Zugrichtung des „Musculus quadriceps femoris“ kommen, was zur Verlagerung der Kniescheibe führt.
- Falscher Muskelansatzpunkt
- Mangelhafte Muskulatur
- Schwaches Bindegewebe » ausleiern der Bänder / Sehnen und Gelenkskapsel » fehlerhafter Halt für die Kniescheibe
- Starkes Übergewicht begünstigt eine Luxation ( ! )
Gradeinteilung der Patellaluxation
Grad 1: Es besteht eine habituelle Luxation. Durch Druck kann die Kniescheibe in Beuge- und Streckbewegung luxiert werden. Sie gleitet bei nachlassendem Druck aber sofort wieder in die Trochlea (Rollkamm) zurück.
Grad 2: Die Patella kann durch den Untersucher oder das Tier selbst bei gestrecktem Knie luxiert werden. Sie gleitet nicht selbständig, sondern durch aktiven Druck, passive Bewegung oder Streckung des Kniegelenks in die Rollfurche zurück.
Grad 3: Die Kniescheibe ist permanent nach medial / lateral luxiert. Durch Druck kann sie in das Gleitlager zurückverlagert werden. Allerdings reluxiert sie bei nachlassendem Druck wieder in die Ausgangsstellung.
Grad 4: Die Patella ist permanent (stationär) luxiert. Eine Reposition ist nicht mehr möglich. ( ! )
Befundung der Patellaluxation
Die Kniegelenke werden manuell im Stehen und Liegen abgetastet. Ebenfalls wird der Hund im Laufen bewertet. Röntgenaufnahmen des Kniegelenks sind zur Diagnose und Gradeinteilung nicht geeignet. Sollte jedoch eine Operation in Erwägung gezogen werden, sind Röntgenaufnahmen unumgänglich, um die richtige Operationsmethode zu wählen bzw. festzulegen.
Folgeerscheinungen der Patellaluxation
- Schäden an der Hüfte und / oder der Wirbelsäule treten nicht selten in Kombination mit Patellaluxationen auf. Wobei nicht immer zu klären ist, ob das eine die Folge des anderen ist, oder umgekehrt.
- Generelle Haltungsschäden, die wiederum Arthrose zur Folge haben.
- Muskelatrophien - hauptsächlich der hinteren Muskulatur -, aber auch des langen Rückenstreckers, wiederum bedingt durch die Fehlbelastungen.
- Gelenkentzündungen, Knorpelschäden -> Lahmheiten!
Alternative Maßnahmen zur Operation
Physiotherapie: Hier wird als vorbeugende Maßnahme - entgegen einer Operation und unterstützend - gezielt auf die schwachen Bänder / Sehnen und Muskeln hin gearbeitet. Es wird eine Orthrese eingesetzt, welche die Patella in ihrer Ursprungslage stabilisiert. Diese Orthrese ist leicht vom Besitzer zu wechseln!
Die Behandlung läuft gezielt darauf hinaus, die mediale bzw. die laterale Muskulatur mit einer Elektrotherapie zu stärken ( Gegenseite wird gestärkt ).
Die Patellasehne wird mit einem Griff aus der humanen Sportmedizin ausgearbeitet. Und zwar oberhalb und unterhalb, um vorhandene Kontraktionen zu lösen bzw. funktionstüchtig zu machen.
Des Weiteren wird ein Programm aus der Ultraschalltherapie eingesetzt, um die Sehnen zu festigen und zu stärken. Auch das passive Durchbewegen und Mobilisieren einzelner Gelenke ist notwendig und nicht außer Acht zu lassen! Sehr wichtig ist es auch dabei die Hüfte mit einzubeziehen!
Was kann der Besitzer tun?
Bei einer leichten Patellaluxation, sprich einer Luxation vom Grad 1, ist es sehr wichtig, dass der Besitzer im freien Gelände Übungen zum Muskelaufbau der hinteren Gliedmaßen durchführt. Sprich, der Hund sollte - wenn möglich - viele Steigungen, Hügel etc. laufen, um die Muskulatur zu stärken und zu trainieren.
Dies kann auch nach den Therapiestunden gut durchgeführt werden. Auch Schwimmen eignet sich nach einer gezielten Aufbauarbeit durch eine Physiotherapie.
…und das Wichtigste am Schluss für unsere kleinen Patienten: „Viel Liebe ist die beste Medizin!“
Hier geht es demnächst mit dem nächsten Teil der Serie weiter!