Hunde-Kastration

Interview mit Dr. Udo Gansloßer zum Thema Hundekastration - Teil 2


 

Stadthunde.com: Was geschieht nach der Kastration mit dem Hormonhaushalt des Hundes und inwieweit kann das zu psychischen und physischen Veränderungen führen?

 

Der Hormonhaushalt wird in Bezug auf die Sexualhormone völlig verändert, und die unterschiedlichsten Wirkungen auf die Spiegel des Stresshormons Cortisol können nur nach Betracht der Einzelpersönlichkeit des Hundes abgeschätzt werden. Angstaggressive beziehungsweise allgemein unsichere und verängstigte Rüden sowie Hündinnen mit ohnehin hohem Testosteronspiegel (also solche, die sich sehr rüpelhaft benehmen oder beim Markieren das Beinchen heben) neigen dazu, diese Probleme nach der Kastration zu verschlimmern.

 

Außerdem ist bei Rüden mit Muskelabbau und Schwäche des Bindegewebes und bei Hündinnen mit Mineralstoffwechselstörungen bis hin zu Knochenveränderungen zu rechnen.

 

Weiter ungeklärt: Riechen kastrierte Rüden weiblich?

 

Stadthunde.com: Inwiefern riechen kastrierte Rüden tatsächlich „weiblich“ und ist das der Grunde dafür, dass viele intakte Rüden aufreiten oder starkes Dominanzverhalten an den Tag legen?

 

Ob kastrierte Rüden wirklich weiblich riechen, ist noch nicht eindeutig geklärt. Jedoch kann das Aufreit- oder Dominanzverhalten von intakten Rüden auch durch das plötzlich verunsicherte und wesentlich weniger selbstbewusste Auftreten des kastrierten Rüden ausgelöst werden. Hier sind weitere Studien dringend von Nöten.

 

Stadthunde.com: Welche Gründe würden Ihrer Ansicht nach zwingend für eine Kastration im Einzelfall sprechen?

 

Eine Kastration aus medizinischer Sicht wird hier nicht diskutiert. Aus verhaltensbiologischer Sicht ist eine Kastration bei einem echt hypersexualisierten beziehungsweise ausgesprochen status- und rangaggressiven Rüden zu überlegen, eventuell bei einer Hündin, die nur um den Zeitpunkt der Läufigkeit herum aggressiv ist, und eventuell bei einer ängstlichen beziehungsweise angstaggressiven Hündin. In allen Fällen sollte jedoch eine chemische Kastration als Probelauf bei jeglichen verhaltensbiologischen Kastrationsüberlegungen vorgeschaltet sein.

 

Stadthunde.com: In welchem Alter sollten Kastrationen vorgenommen werden?

 

Die Frage nach einem optimalen Kastrationsalter kann ganz einfach beantwortet werden: Da von vorbeugenden Kastrationen grundsätzlich abzuraten ist, sollte man kastrieren, wenn ein Problem auftritt, das tatsächlich nach kompetenter Meinung durch Kastration verbessert werden könnte, und wenn diese Entscheidung noch durch die chemischen Probeläufe vorher abgesichert wurde.

 

Operative Kastration oder chemische Kastration bei Hunden?

 

Stadthunde.com: Zur operativen Kastration gibt es chemische Alternativen, die u.a. dazu verwendet werden, aus zu testen, ob mit einer Kastration die gewünschte Verhaltensänderung eintreten wird. Inwieweit sind Hormonbehandlungen sinnvolle Alternativen oder ermöglichen zuverlässige Prognosen?

 

Es gibt eine sinnvolle Methode der chemischen Kastration, die bei Rüden mittlerweile auch zugelassen ist, bei Hündinnen in der Zulassungsphase sich befindet, nämlich die sogenannte GnRH Down Regulation. Diese Hormonbehandlung ermöglicht eine nach derzeitigem Kenntnisstand zuverlässige Prognose der späteren Verhaltensänderungen ohne bisher bekannte Nebenwirkungen.

 

Stadthunde.com: Tierschützer weisen immer wieder auf den ethischen Aspekt von Kastrationen hin. Wie beurteilen Sie die Tierschutzrelevanz von Kastrationen, und worauf ist bei tierschutzbedingten Kastrationen besonders zu achten?

 

Es geht nicht nur um den ethischen Aspekt der Kastration. Kastrationen sind ohne veterinärmedizinische und verhaltenstherapeutische Einzelindikation in jedem Falle ein Verstoß gegen das Amputationsverbot des Paragraphen sechs, und in vielen Fällen (zum Beispiel Kastration ängstlicher beziehungsweise angstaggressiver Rüden), die als veterinärmedizinische Kunstfehler auch so thematisiert werden, zusätzlich ein Verstoß gegen Paragraph zwei, da diesen Tieren unnötige Leiden und Schäden zugefügt werden.

 

Insofern ist eine Kastration aus Tierschutzgründen absolut nicht zu befürworten. Wenn es um die Fortpflanzungsunterdrückung geht, ist die Sterilisation anzuraten, die Pauschalkastrationen von Hunden in Tierheimen sind ebenso tierschutzwidrig wie solche Maßnahmen auf Wunsch einzelner Hundehalter auch.

 

Stadthunde.com: Wir danken Ihnen herzlich für dieses Gespräch!

 

Mehr Infos zum Thema: Hunde-Kastration auf spiegel.de

 

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