Wohn-Träume eines Vierbeines

 

Die Sonne geht unter. Jetzt spürt man, dass die kalte Jahreszeit immer näher kommt. Gerrit nimmt noch einen Schluck aus der Flasche. Er nennt es sein "Feierabendbier" und ist froh, kein Alkoholiker wie manch anderer auf der Strasse zu sein. Saufen zerstört den Verstand, sagt er. Gerrit blickt auf die Menschen, die von der Arbeit kommen, in Geschäfte oder Busse hasten, mit irgendjemanden sprechen, ein Mobiltelefon am Ohr. In solch einem Moment kommen ihm sehr eigene Gedanken: "Im Grunde ist Obdachlosigkeit sehr modern. Denn es ist Klimaschutz. Wenn Du kein Dach über dem Kopf hast, verbrauchst Du keinen Strom, kein Heizöl, kein CO2."

 

Gerrit, Nic und das Straßen-Leben. Improvisation und Zuversicht sind wichtig. Während in geheizten Wohnzimmern Vorabend-Serien über den Bildschirm flimmern, sitzt Nic an einem ihrer Lieblingsplätze. Dem Schaufenster einer Zoohandlung. Nur eine dünne Scheibe trennt sie von Hasen, Meerschweinchen und anderen Verlockungen. "Das ist für sie wie Fernsehen", so Gerrit. Dann streichelt er sie mit unerwarteter Zärtlichkeit, sagt: "Nic ist eigentlich der faulste Husky der Welt."

 

Am 29. Januar hat Nic Geburtstag. Fast zehn Jahre ist sie schon an der Seite von Gerrit. Zu ihrem Geburtstag wünscht der sich eine kleine Wohnung. Dort, wo er und die Hündin zusammen leben können. Er hat diesen Traum noch nicht aufgegeben. Trotz 300 Absagen. Über ein Drittel davon von Vermietern und Hausverwaltungen, die keine Hunde als Mitbewohner erlaubten. Auch in viele soziale Einrichtungen darf Nic nicht mit. Und in andere will Gerrit nicht: "Dort herrschen manchmal schlimme Zustände. Eine Dauerlösung ist so etwas garantiert nicht. Lieber schlafen Nic und ich dann irgendwo draußen. Auch bei Regen oder Schnee." Seine "Platte", der Ort, an dem er übernachtet, verrät er nicht. Zu lange hatte er in der ganzen Stadt nach einem möglichst idealen Behelfs-Zuhause unter freiem Himmel gesucht.

 

Vielleicht haben Gerrit, der "Hinz & Kunzt"-Verkäufer Nummer 3504, und seine vierpfotige Vertriebs-Assistentin auch Glück. Endlich wieder ein Dach über dem Kopf. Endlich Ruhe. Die Chance auf ein halbwegs normales Leben. In derselben Stadt. Aber weg von der Strasse. Dann könnte Nic in einem echten Wohnzimmer noch schöner träumen. Von Australien, Neuseeland, der Antarktis und dem Nordpol. Die einzigen Gegenden, in denen die Hamburger Husky-Hündin aus Toronto bislang noch nicht war.