Noahs Stadt-Begegnungen - Teil 3

Nera und die Polarlichter in der Dunkelheit

Für Heide Mövius (64) und Nera (12) ist es ehrenamtlicher Alltag. Für viele Bewohner des PFLEGEN UND WOHNEN Senioren Centrums Alsterberg ist es ein Höhepunkt der Woche, wenn die beiden vorbeischauen. Seit Jahren sind Heide Mövius und ihre Belgische Schäferhündin im Einsatz. Ein kurzer Plausch mit Streicheleinheiten. Wärmende Momente. Und immer wieder gibt es auch so etwas wie Miniatur-Wunder. Wenn Nera, die schwarze Hündin, Licht dorthin bringt, wo Dunkelheit herrscht.

 

Ein schöner Frühlingstag in Hamburg. In Haus 1 freut sich Hermann Mörke schon auf Neras Besuch. Der 94-Jährige und die betagte Hündin kennen sich schon lange, sind ein eingespieltes Team. Vertraute Gesten. Da braucht es wenige Worte. Wenn sich Nera an seine Seite drückt, huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Hermann Mörke geht auf Zeitreise, schaut zurück auf die Augenblicke seines Lebens. Besonders gerne, wenn Nera in der Nähe ist.

 

Die Jugend in Pommern, der Krieg überall, der Neuanfang in Hamburg, wo er im Vermessungsamt mithalf, den Stadtteil Bramfeld aufzubauen. Er erzählt von seinem geliebten Hund, mit dem er als Junge über die weiten Felder tobte. Und dem Momente, als der Tod den Ernst des Lebens in die Kindheit brachte. Der Hund erkrankte, musste erschossen werden. Die letzten Hunde-Blicke am Rande der ausgehobenen Grube, die das Grab des Tieres wurde, hat er bis heute nicht vergessen. Genauso wenig wie die Kriegszeit in Lappland, wo der größte Feind die klirrende Kälte war. 90 Mann und 20 Frauen waren in der Einheit von Hauptfeldwebel Mörke. Plötzlich ein Lächeln, als er sagt: „Hunde hatten wir keine dort. Dafür gab es Rentiere. Und Polarlichter. Als ich die zum ersten Mal sah, dachte ich, die Welt geht unter.“

 

Hermann Mörke blickt aus dem Fenster, lässt seine Hand von der Stuhllehne baumeln, sie landet auf Neras Rücken. Fast ein Jahrhundert Menschenleben trifft auf erfahrenes Hundefell. Dann steht er langsam auf, streicht die Jacke seines Trainingsanzugs behutsam glatt, macht ein paar Schritte. Anstrengend ist es. Aber auch gut. Bewegung. Für den Geist und den Körper. Nera schaut zu. Hermann Mörke beugt sich hinab zu ihr, legt seine Hand auf ihren Kopf. Sie sind einig und eins in diesem Moment. Zum Abschied lächelt er noch einmal: „Im Jahr 2014 werde ich 100 Jahre. Dann kriege ich eine goldene Medaille von der Stadt. Die silberne habe ich ja schon. Die gab es zum 90. Geburtstag.“

 

So geht es weiter:

 

Streicheleinheiten für Mensch und Tier

 

Ein Blindenführhund für die Seele
 

Text: Stefan Hildebrandt - Fotos: Noah (Hier geht es zu Ihrem Profil: mehr )