Hallo zusammen, zu dem Thema möchte ich auch gerne mal etwas ganz neutral beitragen, die Gemüter sind ja schon sehr erhitzt, teilweise.
Danke Ruby, dass du das Themenruder herumreisst!

Hoffe deinem Auge geht es besser!
Also kurz zu mir, bin noch recht neu bei StadtHunde.com:
Ich hatte schon immer Hunde in meiner Familie oder in der Nähe. Früher bin ich als Kind auf ner Deutschen Dogge geritten, wir hatten einen Altdeutschen Schäferhund, einen Cocker-Spaniel-Mix, mein Bruder hat einen Belgischen Schäferhund und in meinem Bekanntenkreis hatte ich regen und (meist) positiven Kontakt mit Rassen bzw. Mischlingen wie Rottweiler (lange einer meiner besten Freunde, mit dem ich alles machen konnte), Schäferhund-Rotti-Mix, Schäferhund-Staffordshire-Mix, Chiwawa, Beagle, Border-Collies und all diejenigen Hunde, die man beim Gassigehen trifft.
Seit über 2 Jahren hab ich einen Labrador-BernerSennen-Schäferhund-Mix, mit dem ich oft unterwegs bin und der meiner Meinung nach sehr gut sozialisiert ist und die Kommunikation unter Hunden beherrscht. Er ist verspielt und extrem gutmütig, sowohl gegenüber Menschen (egal ob groß oder klein) als auch gegenüber Artgenossen. Nun ist er mit 55cm Höhe und 35kg sicher kein kleiner Hund, aber es gibt größere, jedoch ist bei ihm auffällig, wie zärtlich und bedacht er ist und wie weich sein Biss ist! Berühren seine Zäne die Haut (beim Spielen, Leckerlie geben etc.) lässt er sofort nach, er tut keiner Fliege etwas, er will einfach nicht verletzen; das kleinste "na" oder "au" reicht, damit er alles fallen lässt.
Nun, woher kommt das? Erstens kommt es meiner Meinung nach von seiner genetischen Veranlagung von Labrador-Seite, die bekanntlich über einen weichen Biss verfügen und einen besonderen will to please haben und eben dafür über Jahrzehnte gezüchtet wurden. Aber da das in ganz jungem Alter nicht der Fall war (als Junghund, als ich ihn zu mir holte, blutete meine Hand, weil er mit seinem Gebiss nicht umgehen konnte), liegt es natürlich auch an der Erziehung. Heute kann ich sagen: Er hat nie etwas kaputtgemacht (weder Schuhe zerknabbert noch sonst was), er jagdt weder Enten noch sonst was (Jogger, Radfahrer), ausser seinem Spielzeug - dass aber auch nur, wenn er losgeschickt wird und selbst auf halber Strecke zum "Ziel" kann ich ihn zurückrufen.
Ich finde, sein Verhalten liegt gleichermaßen an seinen rassespezifischen genetischen Grundlagen als auch an der Erziehung und seinen übrigen Erfahrungen mit seiner Umwelt.
Zu behaupten, ein Hund sei eben ein Hund, also alle Hunde sind demnach gleich, halte ich für unhaltbar falsch!
Jede Rasse hat eben ihre angezüchteten Merkmale und Eigenschaften. Natürlich kann man einige davon durch Erziehung hervorheben und fördern (siehe weicher Biss beim Labbi, Wachsamkeit beim Schäferhund) oder abmildern, aber gänzlich unterdrücken sicherlich nicht, schon gar nicht in einigen wenigen Jahren/Generationen. Wenn hier die Evolution angesprochen wird: die ist etwas langsamer als man denkt und basiert nicht auf Einzelfälle.
Und so haben Rassen wie Rottweiler, Dobermänner, Schäferhunde eben einen ausgeprägten Schutz- und Wachinstinkt, weil sie dafür gezüchtet wurden.
Genau so werden sie in der Regel bzw. idealerweise auch eingesetzt. In den falschen, unbedarften Händen sind solche Rassen unkalkulierbare Risiken und bei bewusster Ausbildung schlicht Waffen.
Weimaraner, Dt. Drahthaar und Setter sind eben für die Jagdt gezüchtet, ebenso wie viele Terrier, aber mit besonderem Fokus auf Unnachgiebigkeit und Stärke im Verhältnis zur Körpergröße und Mut.
Dann haben wir die sogenannten Kampfhunde (Sokas, was für ein unangebrachtes Akronym!), bei denen die Meinungen auseinander gehen. Die Liebhaber sagen, das sind die liebsten Hunde, echte Familienhunde, total lieb und treu. Das will ich auch gar nicht bezweifeln (und hab es an oben genanntem Hund auch erleben dürfen), aber was ist mit der Kehrseite der glänzenden Medaille (die ich auch schon erlebt habe)? Rassen wie American Staffordshire und American Pitbull (die ja eng verwandt sind, wenn überhaupt eigenständige Rassen) wurden zwar in den Anfangszeiten der USA als Schutz- und Herdenhunde eingesetzt (> Bullenbeisser), aber eben nicht wie ein Collie die Schafe beisammenhält, sondern doch beissfreudiger. In ihrem weiteren Weg wurden u.a. spezifische Merkmale von Dobermann (Schärfe/Angriffslust), Rottweiler und Mastiff (Beisskraft, Schädelform), Terrier (Unnachgiebigkeit) eingekreuzt, alles um sie zu überlegenen Kämpfern zu machen. Jahrzehntelang wurden hinsichtlich der Blood Lines getrimmt.
Und all das soll nicht heute noch in ihnen stecken? Nur weil man seit ein paar Jahren versucht, sie besser zu erziehen? Solche Anlagen und Triebe kann man doch nicht kurzfristig herauserziehen! Jeder Hund basiert primär auf seinen Trieben, sei es der Fresstrieb, der Hetztrieb oder der Trieb zur Erhaltung bzw. Schutzes seiner selbst, seines Territoriums, seines Rudels oder seiner Ressourcen. Warum schützt denn ein Schäferhund so bereitwillig sein Herrchen? Weil er sein Rudel, aber vor allem seine Nahrungsressource verteidigt. Warum apportiert ein Labrador so gerne und erfolgreich? Weil es in ihm steckt.
Nun haben Staffs und PitBulls auch folgende Eigenschaften:
"Wesen und Charakter des American Staffordshire Terrier, dessen Vorfahren einmal gezüchtet wurden, um sich an den meisten Formen der »Blood Sports« zu beteiligen, ging aus diesem Fegefeuer körperlich und wesensmäßig gestärkt hervor. Heute übernimmt er seinen Platz als natürlicher Wächter der Wohnung, Beschützer und Spielgefährte der Kinder. [..]
Lange nach der Zeit der durch Fitneß und Anpassungsfähigkeit bestimmten Haustierwerdung der Wildhunde, überlebten die Vorfahren des Staffs nur dank Kraft, Intelligenz und Mut, dies ist mit Ursache dafür, daß der Stafford ein funktioneller Hund blieb, mehr als nur ein Ausstellungshund. Seine einzigartige Tapferkeit zeigte sich früher an Amerika Grenzen, heute beweist sie der Hund täglich bei seiner Arbeit auf Farmen und als Familienhund auch zu Hause.
Der typische Staff ist ein Muster an Selbstbewußtsein nicht nur zu Hause, ebenso auf der Hundeausstellung, im Park, auf einer Hauptverkehrsstra§e. Dieser Hund ist verspielt, liebt es zu gefallen. So robust er ist, strotzend vor Kraft, ist er doch mit allen, die er liebt, sanft und empfindsam. Er zeigt gegenüber territorialen Rechtsansprüchen wenig Respekt, anders als die meisten Hunderassen scheint er vielleicht zu glauben, da§ auf wessen Eigentum er zufällig steht, ihm dies gehört. [..]
Kein eigenes Wachhundtraining ist notwendig oder zu empfehlen, denn der Staff ist seiner Natur nach ein außerordentlich befähigter Wachhund.
"
So, er ist also äußerst mutig, selbstbewusst, neugierig, tapfer, sehr territorial und denkt alles gehört ihm, sehr kräftig, terrier-mäßig unnachgiebig und von Natur aus ein Wachhund, der gar nicht trainiert werden muss (darf!), weil er es schon in sich hat. Wenn so einer also vor mir steht, denkt er, ich steh auf seinem Territorium, oder? Ich glaube ja gerne, dass das treue, loyale, verspielte Hunde innerhalb der Familie/des Rudels sind, aber wehe er kennt draussen die Regeln nicht...
Und genau das ist mir passiert! Zweimal innerhalb kürzester Zeit von 2 verschiedenen Staffs:
Ich war mit Tyras im Dezember auf einer beliebten Wiese unterwegs. Ich hatte ihn außnahmsweise an der Leine, zu 90% darf er frei laufen und ich muss mir keine Sorgen machen, zumal ich die Gegend beobachte.
Nun kam ein recht junger Mann (ca. 17 oder 1

mit seinem Staffordshire über die Wiese gelaufen und ich schaute mir die beiden an (Hund und Herrchen). Es schien keine Probleme zu geben, obwohl ich den Staff als Rüden erkannte und das kann ja rasseunabhängig zu Reibereien führen. Ich hatte also weder Angst, Panik noch Vorurteile und dachte, lernst du die beiden doch mal kennen. Herrchen vergewisserte mir, sein Hund sei lieb und okay und so kamen wir also ins Gespräch, die Hunde ebenso, inzwischen ohne Leine. Alles okay, sie beschnüffelten sich, keiner machte dominante Faxen, alles easy und entspannt. Herrchen und ich unterhielten uns genau über dieses Thema: Allgemeine Meinungen zu Kampfhunden, spezielle Meinungen, Erziehung usw.
Tyras, also mein Labbi, hatte recht wenig Intersse am Staff und schnüffelte in der Gegend rum. Der Staff lief mal dort mal hier und schaute, was meiner machte. Wir unterhielten uns weiter, ca. 5 oder 8 Minuten, da wurde dem Staff zusehends langweiliger. Er fing an etwas zu pöbeln um Aufmerksamkeit zu bekommen. Sein Herrchen kümmerte sich um ihn, Tyras immer noch ohne Interesse. Plötzlich fing der Staff an, mich anzupöbeln und mich zu besteigen. Ich wollte ihn gerade mit dem Bein abweisen, als sein Herrchen eingriff und ihn tadelte. 10 Sekunde später versuchte der Staff Tyras von hinten zu besteigen, was meiner nicht mochte und einfach einen Schritt vor ging um ihn abzuschüttteln. Mehr nicht. Dann versuchte es der Staff wieder, dominanter, aufdringlicher und Tyras drehte kurz den Kopf und knurrte ihn an. Eigentlich klares Zeichn dafür, dass er das lassen soll. Doch genau in dem Moment tickte der Staff aus, griff Tyras sofort ohne Vorwarnung an und attackierte ihn an Hals, Bauch, Flanke und am Ellbogengelenk. Das ganze dauerte ca. 30 Sekunden, bis ich es schaffte mit Wurf der Leine und des Kongs (ich traf den Kopf des Staffs, ohne Reaktion) und Abrufen Tyras zu mir zu bekommen. Der Staff wollte nachsetzen und weiter machen aber sein Herrchen schaffte es ihn zu packen.
Resultat: Ein abgebrochener Zahn beim Staff (soviel zur Beisskraft und zur Reizschwelle) und mehrere blutende Wunden bei Tyras, und vor allem ein verletztes Gelenk am Ellbogen. Das bedeutete Tierarzt, Tierklinik > OP, 6 Wochen Verband und Nachbehandlung und über 500 Euro Kosten. Und: Ein Trauma bei Tyras und bei mir, denn das vergisst man so schnell nicht - außerdem hätte es auch mich erwischen können, denn er pöbelte mich ja auch an. Was, wenn ich ihm ein Knie zur Abwehr gegeben hätte? Hätte er sich dann in meinem Bein verbissen, der liebe, brave Staff, der ja keinem was tut?
Und nur mal für's Protokoll: Der Junge ist ein intelligenter, sympathischer junger Mann, seine Mutter (der der Hund eigentlich gehört) Anwältin aus der Nachbarschaft. Also keine Proll-Assis vom Kiosk im Ghetto.
In den nächsten Wochen war ich sehr verärgert, aber vor allem verständlicherweise vorsichtig. Wegen der Berletzung durfte Tyras eh nicht frei laufen, also Leinenpflicht. Ich ertappte mich aber dabei, wie ich jeden anderen Hund erstmal besonders einschätzte und dass auch Tyras plötzlcih einen Kamm bekam, wenn ein anderer Hund erschien. Das hatte er nie gemacht. Also auch er wurde dadurch geprägt. Das kann einem ganz schön den Spaß am zuvor entspannten Gassigehen vermiesen, wenn man sowas erlebt hat!
Aber dennoch, unvoreingenommen und tolerant wie ich bin, dachte ich mir nach einiger Zeit und nach einigen guten Erfahrungen mit anderen Hunden, dass ich wieder lockerer werden sollte. Tyras durfte wieder spielen, ich liess ihm Freiraum und alles klappte super, mit den unterschiedlichsten Rassen, egal ob Rüde oder Hündin. Doch gerade vorgestern, Tyras hatte gerade mit einem Schäferhund, einem Irgendwas-Mix mittlerer Größe und einem Labrador-Mädchen wunderbar gespielt, traffen wir auf dem Heimweg einen Staffordshire der sich auf der anderen Straßenseite befand. Beide Hunde schauten sich an, ich grüßte die beiden Besitzer mit einem freundlichen Hallo und wir gingen weiter, Tyras schnüffelte (übrigens angeleint) die Bäume ab. Plötzlich hörte oder sah ich, wie der Staff über die Strasse angerannt kam und sofort, ohne jegliche Begrüssung, Ankündigung oder sonstwas Tyras von hinten ansprang. Ich konnte ihn gerade noch rechtzeitig hinter mich bringen, so dass ich mich zwischen die beiden stellen konnte. Tyras war erschrocken, weil er den anderen Hund ja nicht kommen sah und der Staff war unglaublich aufdringlich und hatte so einen Stierblick, der durch Wände geht. Es gab zwar kein Knurren oder Fletschen, aber es war heikel. Das Frauchen war völlig überfordert und kam nach ca. 15 bis 20 Sekunden herbei geeilt und versuchte ihren Hund zu erwischen, was aber nicht klappte, weil erviel zu schnell war. Wir drehten uns im Kreis, weil ich immer noch dabei war, die beiden auseinander zu halten. Auf verbale Kommandos hörte der Staff überhaupt nicht. Ich sagte nur "nehmen Sie endlich ihren Hund weg" und irgendwann hatte sie ihn am Halsband gepackt, entschuldigte sich und ging. Ich äusserte nur noch meinen Unmut über die Situation und wir gingen unserer Wege. Allerdings hatte wir die gleiche Richtung und aus den Augenwinkeln sah ich nur, dass der Staff noch immer unangeleint war und auf dem Sprung war, noch mal rüber zu kommen.
Also was soll das? Muss das sein? Kennen die Besitzer nicht die Eingenarten ihrer Hunde? Müssen die mitten in der Stadt, 50m von einem Kinderspielplatz entfernt unangeleint herumlaufen und Leute erschrecken? Selbst ich als relativ erfahrener Hundebesitzer hatte in dieser und in der anderen Situation echt Schiss, weil ich das Potenzial von solchen Hunden kenne. Rottweiler, Staffs, Pitbulls und Mastinos können eben Arme durchbeissen und tödlich verletzten, ein Beagle kann das nicht. Also muss ich als Besitzer denn dann auf den vorgeschriebenen Maulkorb und vor allem auf die Leine verzichten, wenn der Hund nicht 100%ig unter Kontrolle ist? Muss erst was wirklich schlimmes passieren um dann über die Presse zu wettern statt sich über seinen Hund Gedanken zu machen?
Das soll wie gesagt kein kategorisches Schubladendenken sein, aber diese beiden Erfahrungen haben mir gezeigt, dass möglicherweise doch was dran ist, an diesen vermeintlichen Klischees. Und vor allem unter der Prämisse, dass die allermeisten ihre Hunde eben nicht korrekt erziehen und führen können! Bloss: Bei der einen Rasse macht ein Erziehungsfehler keinen großen Ärger, bei einer anderen Rasse verursacht der selbe Fehler aber sehr wohl katastrophalen Schaden an Mensch und Tier.
Leider habe ich mir dadurch meine Meinung doch bilden müssen, wohlgemerkt immer im direkten Vergleich zu Begegnungen mit anderen Hunden/Rassen.
Nichts für ungut, nur meine Erfahrungen und Meinungen
Pete & Tyras
PS:
Und um auf Rubys Frage einzugehen:
Ich war letztes Jahr mit Tyras mal testweise zur Begleithundeprüfung, da war er aber noch etwas zu jung und zu quirlig. Werde es dieses Jahr noch mal testen, ob er dafür inzwischen ruhig genug ist. Laut Meinung des Trainers und meiner eigenen hat er auf jeden Fall die Veranlagung dafür, eventuell auch zur Wasserrettung.