Stadthunde.com-Interview

Wir trafen den Regsisseur von "Underdogs" Jan Hinrik Drevs

Stadthunde.com: Herr Drevs, Sie haben bereits in 2001 für die ARD die Dokumentation „Dogsworld“ gedreht – nun das Filmprojekt „Underdogs“. Wie kam es zur Auswahl dieser Hunde-Themen?

Jan Hinrik Drevs: Ich bin selbst ambitionierter Hundebesitzer, unsere Labrador Hündin „Frau Holle“ gehört schon länger fest zur Familie. Seit neuestem ist auch Labrador Klaus, der bei den Dreharbeiten zu „Underdogs“ dabei war, zu uns gestoßen. Die Produktionsfirma von „Dogsworld“ suchte Regisseure, die mit dem Thema ‚Hund’ etwas anfangen konnten und so kam man auf mich. Ein Job, den ich also nicht zuletzt Holle zu verdanken habe. Für den Dreiteiler war ich dann in mehreren Ländern unterwegs, um Hunde aller Art und ihre vielfältigen Fähigkeiten zu beobachten. Dabei stießen wir auch auf ein Ausbildungsprogramm für Blindenhunde, das in einem Gefängnis in New York mit Insassen und jungen Hunden durchgeführt wurde – daraus erwuchs die Idee für den Spielfilm „Underdogs“.

Stadthunde.com: Hat sich ihr Verhältnis zu Hunden durch die Dreharbeiten zu „Dogsworld“ und „Underdogs“ verändert?

Drevs: Das Verhältnis nicht – aber meine Wahrnehmung, was die Fähigkeiten von Hunden angeht, ist eine andere geworden. Ich konnte schon immer gut mit Hunden, und daran hat sich auch nichts geändert. Die Arbeit an „Dogsworld“ hat mir aber erst bewusst gemacht, wie vielseitig Hunde wirklich sind. Durch den „Underdogs“-Dreh hat sich dies sogar noch gesteigert.

Stadthunde.com: Wie sehr unterscheidet sich die Realität von dem, was der Zuschauer ihres  Films zu sehen bekommt?

Drevs: Die Grundlagen sind gleich. Das Projekt, das im Film gezeigt wird, könnte 1:1 so auch bei uns ablaufen. Erstaunlich ist vielmehr, dass dies in Deutschland noch nicht geschehen ist. Gerade weil Programme dieser Art in den USA enorm erfolgreich sind, und zwar für Hunde und Gefangene gleichermaßen. Was nicht dem realen Vorbild entspricht, ist der Ausbruch eines Teilnehmers. Einen solchen hat es bisher nicht gegeben. Wir wollten so die Verbundenheit verdeutlichen, die zwischen Gefangenem und Hund entsteht. Und den Trennungsschmerz, der dann zu einer Übersprungstat führt. Diesen Gedanken haben wir weiter gesponnen, was bei einem fiktiven Film natürlich gut möglich war. 

Stadthunde.com: Mosk -  der Hauptcharakter ihres Films - ist am Anfang verschlossen und mitunter brutal. Erst die Arbeit mit seinem Hund „Grappa“ lässt ihn sich öffnen und umgänglicher werden. Können Hunde Menschen positiv verändern?

Drevs: Ohne Frage – daran habe ich keinen Zweifel. Hunde sind vom Grundsatz positive Wesen. Sie gehen auf die Menschen zu. Gefangene, mit ihren oft negativen Erfahrungen, erleben sich dadurch ganz neu. Die Erlebnisse mit den Tieren können ihnen so ganz neue Aspekte ihrer Persönlichkeit aufzeigen.

Stadthunde.com: Mosks Trennung von „Grappa“ ist eine der Schlüsselszenen von „Underdogs“. Wie sah dies im realen Projekt aus? Birgt ein solcher Einschnitt nicht ein enormes Konfliktpotenzial?

Drevs: Wer Hunde liebt, weiß, wie schwer die Trennung von ihnen fällt. In diesem Programm leben die Gefangenen eng mit den Hunden zusammen, sie begleiten sie vom Welpenalter bis zum Ende der Ausbildung. Genau an dem Punkt, wenn die Liebe am größten ist, müssen sie sich dann von ihren Schützlingen trennen. Für Hundeliebhaber ist dies natürlich sehr qualvoll. Bei der Ausbildung von Blindenhunden entstehen dadurch oft Probleme – die Gastfamilien, bei denen der Hund seine ersten Monate verbracht hat, wollen ihn oft nicht mehr loslassen, wenn der Hund dann zur Endausbildung und schließlich zu der blinden Person soll. Im Knast haben die Ausbilder gar keine andere Wahl, als die „fertigen“ Hunde abzugeben. Für die Insassen ist das natürlich ein großer Einschnitt in ihre Persönlichkeit. Das ist das einzig zweischneidige an dieser Art von Resozialisierungsprogramm und muss sehr gut begleitet werden.

Stadthunde.com: So ein Dreh mit Hunden muss ja sicherlich gut vorbereitet werden. Gab es trotzdem Probleme am Set, und wie kamen die Schauspieler mit den Vierbeinern aus?

Drevs: Die Schauspieler haben im Vorfeld des Drehs – angeleitet von unserem fantastischen Tiertrainer Marco Heyse - intensiv mit den Hunden gearbeitet. Wir wollten, dass sich die Hunde voll auf die Darsteller konzentrieren und nicht auf die Trainer hinter den Kameras, wie man es noch immer in einigen Werbespots sieht. Unser Ziel waren authentische Szenen und durch die Vorarbeit konnten wir diesem Anspruch auch gerecht werden. Eine Drehsituation, die vielleicht am besten beschreibt, was die Arbeit mit Hunden am Set ausmacht, war diese: Für eine Szene, die einen tief entspannten Hund zeigen sollte, musste es natürlich ganz still sein. Wenn über sechzig Menschen alles dafür tun, um dieses Stille herbeizuführen, damit der Hund sich auch wirklich beruhigt, entsteht natürlich eine enorme Komik. Die Entspannung des Hundes hat also für große Spannung am Set gesorgt.
 
Stadthunde.com:  Der Film spielt in der JVA Bützow. Wie haben die echten Gefangenen auf die Dreharbeiten und die Idee der Resozialisierung durch die Arbeit mit Hunden reagiert?

Drevs: Die Gefangenen haben uns und die Idee sehr positiv aufgenommen - auch weil sie Teil des Drehs waren. Die Komparsen in „Underdogs“ sind beinahe ausschließlich Gefangene, und auch beim Bau einer ganzen Zelle, die für den Dreh gebraucht wurde, waren sie beteiligt. Man kann mit Stolz sagen, dass unser Film selbst Teil eines Resozialisierungsprozesses war. Auch die Hunde fanden in den Insassen begeisterte Freunde. Viele wären sofort bereit gewesen, an einem ähnlichen Projekt teilzunehmen. Die Hoffnung, dass so etwas auch bei uns bald möglich sein wird, ist dadurch natürlich noch gewachsen. 

Stadthunde.com: Ist Ihr Film also auch ein Plädoyer für einen humaneren Strafvollzug, der durchaus auch die Arbeit mit Hunden beinhalten sollte, oder erzählt er „nur“ eine spannungsgeladene Geschichte?

Drevs: Plädoyer wäre vielleicht etwas hoch gegriffen. Meine persönliche Meinung ist: Gefängnisstrafen sind ein extremer Einschnitt ins Leben eines Menschen. Der Alltag in den Haftanstalten sollte daher nicht von Leuten bagatellisiert werden, die behaupten, die Gefangenen hätten es noch viel zu gut. Dennoch ist unser Film kein Plädoyer, er erzählt vielmehr eine Geschichte, wie es wirklich sein könnte. Man sollte nicht vergessen, das alles, was möglich ist, um den Strafvollzug humaner zu machen - also auch ein Projekt, wie es im Film gezeigt wird – dabei hilft, Menschen wieder einzugliedern, die irgendwann unsere Nachbarn sein könnten. 

Stadthunde.com: In Ihrer Filmographie findet sich auch die Dokumentation „Eremitage – Palast der Katzen“. Ein Ausrutscher des erklärten Hundeliebhabers?

Drevs: Ich habe schon Filme über alle möglichen Tiere gemacht – darunter auch Wale und Monsterkrabben. Einen Ausrutscher kann man es also nicht nennen – es war ein weiteres tolles Thema, auch wenn ich wahrlich kein Katzennarr bin. Nennen wir es: Einen Aufruf zum besseren Zusammenleben zwischen Hunden und Katzen…

Stadthunde.com: Die letzte Frage – diesmal in  eigener Sache: Sehen Sie ein generelles Problem darin, Hunde in der Großstadt zu halten?

Drevs:  Hunde sind wunderbar – sowohl in der Stadt, wie auch auf dem Land. Das Problem liegt da eher bei den Haltern. Man sollte sich einen Hund nur anschaffen, wenn man verantwortungsbewusst genug ist, für eine artgerechte Haltung zu sorgen. Dazu gehört für mich neben viel Auslauf auch die nötige Hygiene – gerade was das Entsorgen von Hundehaufen angeht. Die Hysterie um Hunde in der Stadt, die durch die Übergriffe von Kampfhunden in der Vergangenheit und durch polemische Hundehasser entstanden ist, finde ich allerdings in keinem Verhältnis zur Wirklichkeit. Im Sinne einer vernünftigen Beziehung zwischen Mensch und Tier würde ich mir wünschen, dass sich das wieder legt.

Stadthunde.com dankt Jan Hinrik Drevs für das Gespräch.